Dienstag, 23. August 2016

Rezension: Wer die Nachtigall stört ... - Harper Lee

© Rowohlt
Wer die Nachtigall stört ...
| Harper Lee |

Verlag: Rowohlt 2015
Seiten: 464 
ISBN: 9783498038083

MEINE BEWERTUNG 

★★ - 


Klassische Südstaaten

Die Südstaaten in den 30er-Jahren. Idyllische Sommer, ländlicher Flair und brutaler Rassismus - das ist die Kindheit von Scout, einem achtjährigen Mädchen, das langsam erwachsen werden muss.

In den Südstaaten der USA gelten eigene Regeln, wenn es um alteingesessene Familien, gesellschaftliche Moralvorstellungen und schwarze Mitbürger geht. Das muss die achtjährige Scout erfahren, als ihr Vater Atticus - ein angesehener Rechtsanwalt - für die Rechte eines Schwarzen einsteht, und dabei das halbe Städtchen in Aufregung versetzt.

Im Vordergrund steht der Rassismus in den USA wie er in den 30er-Jahren offen gelebt und üblich war. Es geht darum, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe zwar hochoffiziell vom Gesetz gleich zu behandeln sind, es allerdings an der Umsetzung in der Realität mangelt. Es zeigt außerdem, wie sich Menschen in ihrem Denken und Gebaren selbst widersprechen, sich in abstrusen Vorstellungen verlieren, einzeln für Gerechtigkeit einstehen und in der Gruppe dennoch in einen unüberlegten Hordentrieb verfallen, wie es der Wirklichkeit entspricht.


„Steht in unseren Gerichtshöfen das Wort eines Weißen gegen das eines Schwarzen, dann gewinnt unweigerlich der Weiße. Das ist eine Tatsache, wenn auch eine sehr hässliche.“ (S. 351)


Obwohl dieses Thema so ernst ist, geht es Harper Lee von einer wunderbar lockeren Seite an. Fast nach dem Motto „Kindermund tut Wahrheit kund“ lässt sie den Leser mit der achtjährigen Scout an den Ereignissen teilhaben.


Scout lässt sich nichts gefallen. Sie ist vorlaut, altklug und dank ihres nachsichtigen Vaters hat sie einen gesunden Menschenverstand. Sie weiß, wo es lang geht, und hilft auch anderen dabei ihren Weg zu finden. Besonders in der Schule waren einige unterhaltsame Szenen mit Scout und ihrer Lehrerin dabei, die mich oftmals zum Schmunzeln gebracht haben.


Außerdem werden Scout noch ihr Bruder Jem und ihr Freund Dill zur Seite gestellt. Zwei Herren, mit denen sie herrliche Sommer verbringt, etliche Mutproben besteht, und den Ernst des Lebens begreift.


Zuerst herrscht eine lockere, amüsante Atmosphäre. Die Stimmung ist ausgelassen. Als Leser geht man mit den Kindern gemeinsam die Sommerferien an. Man blüht mit ihnen in dieser herrlichen Unbeschwertheit auf. Nach und nach wird die Stimmung allerdings bedrohlich, weil die Kinder langsam begreifen, dass nicht alle Menschen als gleich betrachtet werden, und viele nicht so ein privilegiertes Leben wie sie genießen können. Außerdem merken sie, dass sich ihr Vater und Rechtsanwalt Atticus einer brenzligen Situation aussetzt.


Hier finde ich Scouts unverfälschte Sichtweise auf die Ereignisse wunderbar. Sie nimmt alles so wahr, wie es ist und wie es eigentlich sein sollte. Es ist, als ob man einem Kind sagt, dass es nicht lügen soll, bis es einen selbst bei einer Notlüge ertappt und die ganze Umgebung in Frage stellt.


Harper Lee schafft eine erzählerische Dichte, die einen richtig in die Südstaaten zieht. Man spürt die Hitze, sitzt auf der Veranda, freut sich auf ein Stück Kuchen oder schleicht sich durch den Garten der Nachbarin. Es dauert relativ lange bis die Geschichte zu ihrem Kern vorrückt, dennoch habe ich es genossen, so lange Gast in den Südstaaten zu sein. Nur dadurch habe ich ein Gefühl für die dortige und damalige Gesellschaft gekriegt und außerdem haben mir die Überlegungen und kleinen Abenteuer der Kinder großen Spaß gemacht.


„Wer die Nachtigall stört …“ ist ein bezaubernder und gleichzeitig verstörender Klassiker. Für mich ist es eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Es besticht mit bewundernswerten Figuren, einer ungezwungenen Atmosphäre und einem ernsten Thema, das sich dem Leser ins Bewusstsein drängt. Dieses Buch sollte von jedem gelesen werden, der mit Scout wunderbare Sommer erleben, den Ernst des Lebens begreifen und die Absurdität von Rassismus vor Augen geführt bekommen will.

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MEINE BEWERTUNG
★★

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Kommentare:

  1. Hi Nicole :D

    Das Buch sind wir beim Abi durchgegangen und ich habe es damals auch gelesen und ich war ebenso begeistert wie du :D Besonders die Atmosphäre ist mir auch in Erinnerung geblieben! :D Schade, dass das Buch dann bei meinem Deutschabi nicht drankam :P

    Liebe Grüße
    Jessi

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    1. Hallo Jessi,

      ich staune, wenn ich am Rande mitbekomme, welche interessanten Bücher an deutschen Schulen gelesen werden. Bei uns war es Dürrenmatt, immer wieder Dürrenmatt, und Schnitzler, und ein bisschen Joseph Roth. Aber Klassiker wie diesen hier, entdecke ich erst durch andere Blogs und LovelyBooks.

      Jedenfalls, ja, die Atmosphäre ist wahnsinnig gut und obwohl es so ein ernstes Thema behandelt, schwingt dieser zauberhafte Kindheits-Charme mit.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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    2. Hi Nicole :D

      Ich hatte das Glück, eine sehr tolle Deutschlehrerin am Fachgymnasium gehabt zu haben, die wirklich auch internationale Klassiker durchgenommen hat! :D An der Realschule hatten wir auch nur Dürrenmatt und ganz schlimm: "Der Schimmelreiter". Mein Hassbuch Nummer eins. :D

      Liebe Grüße
      Jessi

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    3. An den "Schimmelreiter" kann ich mich auch noch erinnern. :D Das gelbe Reclamheftchen steht noch immer in meinem Regal und ich habe mich da echt durchgequält. Ist ja nicht so, dass man hier in unseren Breiten auf Anhieb weiß, was ein Fjord ist. Ich habe mir mit dem Buch echt schwer getan. Bin ich froh, dass die Zeiten vorbei sind.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Hey Nicole,

    ich glaube das muss ich mir mal antun. Ist zwar nicht ganz mein Genre, aber du hast mich echt neugierig gemacht :)

    LG Danni

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    1. Hallo Danni,

      damit tust du dir nichts an. :D Einfach aufschlagen und dich in die Südstaaten entführen lassen. Es lohnt sich!

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  3. Wir haben das Buch mit großer Begeisterung im Lesekreis gelesen. Einige kannten bereits den Film, wahrscheinlich hab nur ich ihn noch nie gesehen.
    Ich hab dann auch "Geh hin, stelle einen Wächter" gelesen. Er kommt allerdings bei weitem nicht an die "Nachtigall" heran.

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    1. Um "Geh hin, stelle einen Wächter" schleiche ich schon herum. Bin mir aber noch ein bisschen unschlüssig, weil man doch sehr gespaltene Meinungen dazu liest.

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  4. Huhu meine Liebe. To Kill a Mockingbird ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher und du hast es wundervoll getroffen. Ich finde es auch wunderschön und gleichzeitig verstörend - gerade weil es alles so aus den unschuldigen Augen eines Kindes erzählt wird. Einfach grandios gemacht. glg Franzi

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    1. Hallo Franzi,

      ich finde auch, an dem Buch passt einfach alles! Ich bereue richtig, dass ich mich so lange gar nicht dafür interessiert habe. Dieses "Klassiker-Etikett" hält einen manchmal von den besten Büchern fern. :-(

      Ich wünsche dir einen schönen Sonntag!

      Liebe Grüße,
      Nicole

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    2. Ach, du hast es ja endteckt, da muss man nix bereuen :). Ja, viele Klassiker sind sehr sehr lohnenswert, auch wenn sie evtl. nicht immer einfach zu lesen sind :). Ich greife immer wieder gerne mal zu einem, dank Rory Gilmore :D und mittlerweile Dank meiner Bücherkultur-Challenge.

      Danke dir, den wünsche ich dir auch!

      glg Franzi

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    3. Rory Gilmore? :D An die habe ich gar nicht mehr gedacht. Die Serie habe ich früher aber auch gern gesehen. Ich lese Klassiker, weil ich einfach wissen will, warum sie Klassiker sind. Ich denke mir, es muss ja was dran sein, wenn sich manche Bücher so lange halten und dadurch habe ich schon viele Schätze (aber auch so manches Mal meine Grenze) entdeckt.

      Bücherkultur-Challenge? Klingt gut, das muss ich mir näher anschauen.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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