Sonntag, 4. Dezember 2016

Rezension: Der Trümmermörder - Cay Rademacher

© DAV
Der Trümmermörder
| Cay Rademacher |

Verlag: Argon Verlag 2014
Dauer: 6 h : 38 min (gekürzt)
ISBN: 9783862314300
Sprecher: Burghart Klaußner

MEINE BEWERTUNG

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Authentisch, plastisch, fesselnd.

1947 in Hamburg. Ganz Europa liegt in Trümmern. Die Städte hat es ganz schlimm erwischt. Außerdem werden die Überlebenden von einem der härtesten Winter des Jahrhunderts gequält, der als Hungerwitter in die Geschichtsschreibung eingehen wird. Inmitten der Zerstörung, Kälte, Hungersnot wird im Trümmerfeld eine nackte Frauenleiche entdeckt, die offensichtlich nicht den Schrecken dieser Umstände entstammt. 

Es handelt sich bei „Trümmermörder“ um Oberinspektors Staves 1. Fall. Der Inspektor wird beauftragt, diesen Mord aufzuklären und ihm werden Lieutnant MacDonald von den Alliierten und Lotha Maschke von der Sitte zur Seite gestellt.

Obwohl es sich um einen Krimi mit den üblichen Ermittlungstätigkeiten handelt, hat Cay Rademacher auf sehr geschickte Weise eine fesselnde Auseinandersetzung mit der Nachkriegszeit zwischen die Handlung gepackt.

Der 2. Weltkrieg ist beendet, aber es ist noch lange nicht vorbei. Städte liegen in Trümmer, es fehlt an Infrastruktur, Wohnraum, Zahlungs- und Nahrungsmittel, und noch dazu legt sich ein Winter über Deutschland, der die Überlebenden erneut an die Schwelle des Untergangs führt. Der Alltag ist beschwerlich und umständlich. Es ist kalt. Richtig kalt. Eisblumen an Fenstern - sofern man überhaupt welche hat - gehören zum Morgenritual. Neben der schauerlichen Kälte wird man noch von Hunger, Angst und Hoffnungslosigkeit gequält. Die Heimat ist zerstört, die Menschen sind über die ganze Welt zerstreut, seien es die Männer in Kriegsgefangenschaft, die geretteten Juden und andere Befreite aus den KZs, die am Ende eines erbarmungslosen Albtraums stehen, oder die bekennenden Nationalsozialisten, die untertauchen und sich ihrer Verantwortung entziehen. 

Der Autor vermittelt ein Gefühl als ob er selbst dabei gewesen wäre. Jeder Situation, jeder menschliche Regung - ganz zu Schweigen von den widrigen Umständen - merkt man die fundierte Recherche an.

Frank Stave erzählt aus erster Hand vom Hungerwinter, während er den Spuren des Trümmermörders in Hamburg nachgeht. Stave empfand ich als sehr bedacht mit einem scharfen Verstand. Er hat ein Auge für die Details und weiß genau, wie er im Nachkriegsdeutschland an Informationen kommt. Für mich ist Stave ein typischer Ermittler, denn er ist in seiner Arbeit sehr genau und sich seiner Verantwortung bewusst. Privat hat er - wie alle anderen auch - ebenso mit den Folgen des Kriegs zu kämpfen, weil er seinen Sohn vermisst.

Die Ermittlung an sich ist ebenfalls aufgrund der Umstände interessant, weil es während des Hungerwinters 1946/47 noch ganz andere Mordmotive gibt, als man von gegenwärtigen Handlungen gewohnt ist. Kriminalistisch wohl durchdacht, zeigt Rademacher, wie furchtbar die Nachkriegszeit inmitten der Trümmer war. Er hat mich während des Lesens vor Kälte zum Zittern gebracht und mir dabei die Beklommenheit dieser Jahre vor Augen geführt. 

Authentisch, plastisch und fesselnd zugleich, schildert Cay Rademacher einen Abschnitt unserer Geschichte, an den man sich immer wieder erinnern soll, damit er nicht in Vergessenheit gerät. Sehr empfehlenswert!
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MEINE BEWERTUNG

Bisher erschienen:
1) Der Trümmermörder
2) Der Schieber [Rezension lesen]
3) Der Fälscher [Rezension lesen]
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Kommentare:

  1. Hey :)

    Ich hab das Buch vor einem Jahr ca. gelesen - und ich erinnere mich auch noch, wie plastisch und lebendig der Autor die unmittelbare Zeit nach dem Krieg geschildert hat ... Da fällt mir immer dazu ein, dass mir meine Mutter mal erzählt hat, dass sie als Kinder in den Trümmern gespielt haben. Als Krimi fand ich das Buch aber zum Teil ziemlich langatmig, da fehlte mir zum Teil etwas die Spannung, als dass es mich zu 100 Prozent gefesselt hätte, das weiß ich auch noch.

    Liebe Grüße
    Ascari

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    1. Hallo Ascari,

      schade, dass es dich nicht völlig packen konnte. Ich habe jede Minute ganz gebannt gelauscht. Aber vielleicht liegt es hier auch daran, dass das Hörbuch gekürzt wurde? Den 2. Teil habe ich als normales Buch gelesen und da konnte ich auch keine 5 Sterne vergeben.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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