Sonntag, 15. Januar 2017

Rezension: Der Zug der Waisen - Christina Baker Kline

© Random House
Der Zug der Waisen
| Christina Baker Kline |

Verlag: Der Hörverlag 2014
Dauer: 623 min
ISBN: 9783844517484 
Sprecher: Beate Himmelstoß & Susanne Schroeder

MEINE BEWERTUNG

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Vom Waise-Sein

Ende der 20er-Jahre wird die neunjährige Vivian in einen Waisenzug gesetzt. Als Tochter irischer Einwanderer hat sie bei einem Häuserbrand ihre Familie verloren und fährt kurzerhand einer ungewissen Zukunft entgegen. Erst im hohen Alter bringt sie es über sich, dem Teenager Molly ihre Geschichte zu erzählen, weil Molly selbst eine Waise ist.

„Der Zug der Waisen“ von Christina Baker Kline ist ein wunderbar aufbereiteter historischer Roman, der Vergangenheit und Gegenwart vom Dasein als Waise reflektiert. Zudem geht es um Identitätssuche und die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit.

Im Zentrum der Handlung stehen die Waisenzüge, wie sie in den USA in den 20er- und 30er-Jahren zum Einsatz kamen. Waisenkinder wurden einfach in einen Zug Richtung Westen gesetzt, um von Station zu Station neue Familien für sie zu finden. Leider hat man sich um das Wohlergehen der Kinder selbst kaum Sorgen gemacht, sondern war froh, wenn sie unterkamen. So hat es sich ergeben, dass viele dieser Waisen keine angenehme Kindheit hatten, sondern als Dienstmädchen, Stallburschen oder Erntehelfer ohne Schulbildung aufgewachsen sind.


Vivian erzählt dem Teenager-Mädchen Molly, wie es ihr als Waisenzugkind ergangen ist. Sie holt aus und berichtet, wie sie einst mit ihrer Familie in den USA landete, erklärt, wie schwierig es war in New York Fuß zu fassen, und wie sie ihre Familie, ihre Herkunft und sogar ihren richtigen Namen verlor.


Es war sehr angenehm der alten Dame - Vivian ist zu dem Zeitpunkt schon über 90 Jahre alt - zuzuhören. Ohne sentimental zu werden, erzählt sie davon, wie es damals gewesen ist, was sie ertragen musste, berichtet von ihren Befürchtungen und wohin sie die Reise ihrer Kindheit verfrachtet hat.


Molly ist selbst ein Waisenkind und in einer Pflegefamilie untergebracht. Dadurch lernt sie die alte Frau kennen, der sie zur Hand gehen soll. Anhand von Molly wird das Waisendasein in der Gegenwart thematisiert. Molly hat es auch nicht leicht, weil sie nur selten den Erwartungen ihres Umfelds entspricht und diesen gar nicht entsprechen will. Sie hasst es, sich verbiegen zu müssen, dass alle anderen es ständig besser wissen, und dass sie nie dazuzugehören scheint.


Diese beiden Perspektiven von damals und heute wurden anhand der beiden Schicksale zu einem schönen Roman verwoben. Es wird zwischen den Erzählsträngen gewechselt, sodass man Parallelen aber auch Unterschiede erkennt. 


Mir hat sehr gut gefallen, dass die Autorin nicht zu sehr auf die Tränendrüse drückt. Die Emotionen der Protagonisten werden trotzdem gut rübergebracht, allerdings ohne kitschig zu sein.


Einziger Kritikpunkt sind die Nebenpersonen des Gegenwartsstrangs, die sofort als Mittel zum Zweck erkennbar und ziemlich ausdruckslos geblieben sind. Man merkt, dass sie nur  ihren Platz in der Geschichte haben, damit die Handlung voran getrieben wird, ohne authentische Eigenheiten erhalten zu haben.


Dessen ungeachtet hat Christina Baker Kline einen sehr gut recherchierten, historischen Roman geschaffen, dem die beiden Sprecherinnen der Hörbuchversion gerecht geworden sind. Den unterschiedlichen Erzählsträngen kann man sehr gut folgen, denn bei jedem Kapitel wird auf die Zeitebene verwiesen, und die Sprecherinnen haben auf mich glaubwürdig gewirkt.


„Der Zug der Waisen“ behandelt ein ernstes Thema amerikanischer Geschichte und gibt den Kindern von damals eine Stimme, damit ihre ‚wahre‘ Identität nicht vergessen wird. Ich bin froh, mehr darüber erfahren zu haben und hoffe, dass es noch viele Leser und Hörer finden wird. 

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MEINE BEWERTUNG



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Kommentare:

  1. Hi Nicole!

    Das Buch hatte ich mir auch schon einmal angesehen und ich finde die Thematik wirklich interessant, zu mal ich die 20er Jahre auch sehr mag und mich für die Geschichte interessiere! Also schön, dass es dir gefallen hat, so bleibt das Buch auf der Wunschliste!

    Liebe Grüße
    Jessi

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    1. Hallo Jessi,

      meiner Meinung nach zahlt es sich definitiv aus. Diese Waisenzug-Geschichte ist schon sehr ergreifend und sie wird erzählt, ohne kitschig zu sein.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Liebe Nicole,
    ich habe das Buch ja schon vor längerer Zeit gelesen...muss mal nachschauen...im März werden es 2 Jahre und ich fand es sehr, sehr interessant. Von diesen Zug hatte ich vorher noch nie gehört und es war erschreckend, wie die Kinder einfach nur anderswo "verstaut" wurden und somit war die Pflicht getan. Mir ist es auch bis heute noch sehr in Erinnerung geblieben!
    Liebe Sonntagsgrüße
    Martina

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    1. Hallo Martina,

      von diesen Waisenzügen habe ich schon einmal in einem anderen Buch gelesen, da waren sie aber nur eine Randhandlung. Ich finde es gut, dass die Autorin die Geschichte davon erzählt und so ein breites Publikum davon erfährt. Wahnsinn, wie man sich dieser Kinder einfach entledigt hat. :S

      Liebe Grüße & einen guten Start in die Woche,
      Nicole

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  3. Hey liebe Nicole,

    mir hat das Buch auch gut gefallen, vor allem weil ich von diesen Zügen wirklich noch nie etwas gehört habe.

    Ich war so frei und habe deine Rezension bei meiner verlinkt ;)

    Hab eine schöne Restwoche,

    Janine <3

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    1. Hallo Janine,

      ich hatte davor schon einmal ein Buch gelesen, da werden diese Züge am Rande erwähnt ("Das Schmetterlingsmädchen" Ich liebe es!). Aber so genau wurde ich davon auch noch nie informiert. Ich finde es sowieso immer toll, wie viel man durch's Lesen dazu lernen kann.

      Danke für's Verlinken!

      Liebe Grüße,
      Nicole

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