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| © Goldmann |
| Marcus Kliewer |
Verlag: Goldmann 2026
Seiten: 400
ISBN: 978-3442496778
MEINE BEWERTUNG
- ★★★★★ -
Lässt einen im Dunkeln stehen
Mit einem günstigen Haus in einer einsamen Gegend glauben Eve und Charlie, das perfekte Renovierungsprojekt gefunden zu haben. Doch der unerwartete Besuch einer fremden Familie bringt eine beunruhigende Stimmung mit sich. Es häufen sich merkwürdige Vorkommnisse, während für Eve ein verstörender Schrecken beginnt.
Sobald ein neuer Horror-Roman erscheint, werde ich hellhörig. Dunkle Geschichten gehen bei mir einfach immer. Bei „Die Besucher“ wusste ich zunächst allerdings gar nicht so genau, worauf ich mich einlasse. Ein wenig befürchtete ich sogar, dass die Handlung in Richtung Splatter abdriften könnte, was so gar nicht mein Fall ist. Ich mag subtilen Schauer, fein gesetzte Nadelstiche und das Grauen, das sich langsam und beinahe unbemerkt zwischen die Seiten schleicht. Das habe ich hier bekommen.
Als Leser:in ist man an Eves Seite, die gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Charlie ein altes Haus in Oregon renoviert. Als eines Abends eine Familie vor der Tür steht und darum bittet, das frühere Zuhause des Vaters noch einmal sehen zu dürfen, beginnt etwas, das sich immer eigenartiger entwickelt.
Eve spürt von Anfang an, dass etwas nicht stimmt. Gleichzeitig weiß sie aber auch, dass sie zu den Menschen gehört, die oft grundlos Gefahr wittern. Außerdem fällt es ihr schwer, jemandem eine Bitte abzuschlagen. Es war sehr interessant zu verfolgen, wie sie ständig die Situation reflektiert und in welchem inneren Konflikt sie sich befindet.
Richtig spannend fand ich, dass sich viele seltsame Ereignisse durchaus logisch erklären lassen. Aus Charlies Sicht wirken die Besucher zwar ungewöhnlich, aber keineswegs bedrohlich. Und doch begleitet einen während des gesamten Romans dieses unangenehme Gefühl, dass hier etwas gewaltig aus dem Ruder läuft. Diese Unsicherheit hat bei mir für echtes Unbehagen gesorgt.
Dazu kommen zahlreiche verstörende Szenen, die sich ins Gedächtnis brennen. Ein Speiseaufzug, der sich scheinbar verselbstständigt, eine Kellertür, die plötzlich einen Spalt offen steht, merkwürdige Verrenkungen und Bewegungen, bei denen einem unweigerlich ein Schauer über den Rücken läuft. Der Horror lebt hier nicht von Gewalt, sondern von der Atmosphäre und von der ständigen Frage, ob die Realität gerade verrutscht oder ob Eve ihren eigenen Wahrnehmungen nicht mehr trauen kann.
Großartig fand ich die eingestreuten Forenbeiträge und Berichte. Lange scheinen sie überhaupt nichts mit den Ereignissen im Haus zu tun zu haben. Trotzdem entsteht nach und nach der Eindruck, dass alles irgendwie miteinander verbunden sein könnte. Diese Einschübe haben die bedrohliche Stimmung immens verstärkt.
Schwieriger wurde es für mich gegen Ende. Der Roman wirft unglaublich viele Fragen auf und bietet verschiedene Deutungsmöglichkeiten an, ohne sich wirklich festzulegen. Besonders die Hintergründe rund um Thomas und seine Familie hätten mich brennend interessiert. Dennoch blieb bei mir der Eindruck, dem Kern der Geschichte nie nahezukommen. Das hat einerseits seinen Reiz, hinterließ bei mir andererseits das Gefühl, im Dunkeln stehen gelassen worden zu sein.
Trotzdem hat mich „Die Besucher“ durch den großartigen Erzählstil und diese ständige Anspannung vollkommen gepackt. Lange passiert eigentlich nichts Schlimmes, und doch schreit jede Seite nach Gefahr. Mit etwas mehr Antworten hätte es für mich sogar ein echtes Genre-Highlight werden können. So bleibt ein ungewöhnlicher, atmosphärischer Roman, der wahrscheinlich vielen Horror-Leser:innen gefallen wird und mich mit einem flauen Gefühl im Magen zurückgelassen hat.
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