Auf "The Atlas Six" hatte ich mich riesig gefreut. Zum einen finde ich die Idee rund um die geheimnisvolle Bibliothek von Alexandria unglaublich spannend, zum anderen wirbt der Verlag damit, dass der Roman Fans der Scholomance-Trilogie begeistern soll. Diese Empfehlung hat meine Neugier zusätzlich geweckt. Rückblickend würde ich den Vergleich allerdings nur mit großer Vorsicht ziehen.
Alle zehn Jahre werden sechs außergewöhnlich begabte Medäer ausgewählt, um in die sagenumwobene Bibliothek von Alexandria aufgenommen zu werden. Dort sollen sie ihr Wissen vertiefen und sich auf einen Platz in einem exklusiven Zirkel vorbereiten. Der Haken an der Sache ist, dass nach einem Jahr nur fünf von ihnen bleiben. Der sechste Kandidat muss sterben, weil er zu viel über die Bibliothek und ihre Geheimnisse erfahren hat.
Schon diese Ausgangssituation hat mich sofort gepackt. Ebenso die Figuren. Olivie Blake beweist nämlich ein unglaubliches Gespür für interessante Charaktere. Libby, Nico, Parisa, Callum, Tristan und Reina könnten unterschiedlicher kaum sein und trotzdem wirkt keiner von ihnen wie eine wandelnde Schablone. Sie sind egoistisch, verletzlich, manipulativ, klug, manchmal überraschend selbstlos und im nächsten Augenblick wieder ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht. Diese Grauschattierungen fand ich richtig stark. Mit den Figuren hat die Autorin eindeutig ihr Talent gezeigt.
Weniger überzeugend fand ich, dass die eigentliche Geschichte für meinen Geschmack zu oft in den Hintergrund rückt. Im Grunde geht es darum, Wissen zu sammeln, die Bibliothek zu erforschen und sich als würdig zu erweisen. Darauf hatte ich mich sehr gefreut. Stattdessen dreht sich ein Großteil der Handlung um Beziehungen, Intrigen, Bündnisse und Machtspiele zwischen den Kandidatinnen und Kandidaten. Das ist stellenweise durchaus spannend, ließ mich aber immer wieder mit dem Gefühl zurück, dass die Bibliothek selbst zur Nebensache wird.
Ähnlich ging es mir mit dem Weltenaufbau. Meiner Ansicht nach hat diese magische Welt unglaublich viel Potential, im Roman bleibt sie für meinen Geschmack aber zu vage. Vieles wird nur angedeutet, ohne wirklich greifbar zu werden. Interessiert hätte mich, wie diese Gesellschaft funktioniert, welche Regeln für die Medäer gelten und welche (konkrete) Bedeutung die Bibliothek darin hat. Auf solche Fragen hätte ich mir deutlichere Antworten gewünscht.
Dadurch entstand bei mir ein ständiges Auf und Ab. Manche Kapitel haben mich regelrecht an die Seiten gefesselt, dann folgten wieder längere Passagen, in denen sich die Figuren vor allem mit sich selbst beschäftigen und die Geschichte kaum vorankommt. Diese Wechsel haben meinen Lesefluss immer wieder ausgebremst.
Dass der Verlag Vergleiche zur Scholomance-Trilogie zieht, kann ich deshalb nicht nachvollziehen. Die Boshaftigkeit, den schwarzen Humor und die düstere Atmosphäre, die ich an Naomi Noviks Reihe so liebe, habe ich hier nicht gefunden. Das macht "The Atlas Six" nicht zu einem schlechten Buch, sorgte bei mir aber für Enttäuschung.
Trotz meiner Kritik habe ich den Roman gerne gelesen. Vor allem die vielschichtigen Figuren und die spannenden Dynamiken zwischen ihnen machten Lust darauf, weiterzulesen. Dennoch blieb bei mir das Gefühl zurück, dass aus der faszinierenden Idee rund um die Bibliothek von Alexandria deutlich mehr herauszuholen gewesen wäre.
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