Montag, 5. Oktober 2026

Rezension: Der Geisterbaum - Christina Henry

Rezension
Der Geisterbaum
Christina Henry
Meine Bewertung
★★★★★
Verlag · Penhaligon · 2023
Seiten · 512
ISBN · 978-3764532765
Fesselnd, ein bisschen blutig, atmosphärisch
In Smiths Hollow verschwinden immer wieder junge Mädchen, aber kaum jemand scheint sich lange daran zu erinnern. Als zwei Leichen auftauchen, wird die 14-jährige Lauren an den ungeklärten Tod ihres Vaters erinnert, der ein Jahr zuvor unter dem berüchtigten Geisterbaum gefunden wurde. Während sie nach Zusammenhängen sucht, stößt sie auf ein düsteres Geheimnis, das tief in ihrer Heimatstadt verwurzelt ist.

Was hat sich Christina Henry mittlerweile in mein Horror-Herz geschrieben! Ich habe schon einiges von der Autorin gelesen und freue mich jedes Mal, wenn ich ein weiteres Buch von ihr aufschlage. Meinem Empfinden nach bedient sie sich gerne altbekannter Horror-Elemente, wirbelt sie kräftig durch, gibt einen ordentlichen Schuss Persönlichkeit dazu, staffiert alles mit eigenen Facetten aus und erschafft daraus Geschichten, die mich oftmals richtig begeistern. Und dazu zählt auch „Der Geisterbaum“.

Lauren ist 14 Jahre alt und lebt in Smiths Hollow, einer typisch amerikanischen Kleinstadt, die vom Konzept her eigentlich für ein erfülltes, idyllisches Leben vorgesehen wäre. Bis auf die Tatsache, dass hier ganz schön gemordet wird.

Als die Leichen zweier Mädchen auftauchen, wird schnell klar, dass wir hier nicht von zwei hübsch drapierten toten Körpern sprechen. Christina Henry veranstaltet ein derartiges Massaker, dass man sich beim Lesen beinahe das Blut aus dem Gesicht wischen muss. Für Lauren wecken die Morde zudem schmerzhafte Erinnerungen an ihren Vater, der ebenfalls umgebracht und unter dem legendären Geisterbaum gefunden wurde. Ein Täter wurde nie gefasst.

Überhaupt scheint in Smiths Hollow einiges nicht mit rechten Dingen zuzugehen.

Während der Handlung begleiten wir vor allem Lauren und einen Polizisten, der erst vor Kurzem in den Ort gezogen ist. Daneben lernt man einige der Bewohnerinnen und Bewohner kennen und bekommt zunehmend das Gefühl, dass über der ganzen Stadt ein merkwürdiger Schleier liegt. Erinnerungen verblassen, Menschen verschwinden und werden scheinbar vergessen. Und Mordermittlungen werden bei Weitem nicht so geführt, wie man es aus einschlägigen Krimiserien kennt.

Der unverbrauchte Blick des Polizisten auf Smiths Hollow hat mir dabei gut gefallen. Er ist mit seiner Familie hierhergezogen, weil er sich von der Idylle ein ruhigeres und vor allem leistbareres Leben versprochen hat. Stattdessen muss er feststellen, dass nicht nur die Lebenshaltungskosten anders sind, sondern offenbar auch die Vorstellung davon, wie man mit bestialischen Morden umzugehen hat.

Hingegen hat Lauren, neben dem Erwachsenwerden, ganz andere Sorgen. Sie versucht zu verstehen, was mit ihrer Heimatstadt nicht stimmt. Dabei wächt ihre Befürchtung, selbst auf der Liste des Killers zu stehen. Menschen in ihrem Umfeld verhalten sich merkwürdig, sogar ihre Mutter reagiert seltsam auf sie, und immer stärker beschleicht sie die Ahnung, dass sie in Lebensgefahr schwebt.

Mir hat „Der Geisterbaum“ wahnsinnig gut gefallen. Christina Henry spielt einmal mehr mit einer bekannten Grundlage, bedient sich bei einer amerikanischen Legende, webt mittendrin einen unheimlichen Baum hinein und schubst ein junges, interessantes Mädchen in die Handlung. Darüber legt sie eine greifbare und dennoch schwammige Atmosphäre, die mich beim Lesen umwoben und nicht mehr losgelassen hat.

Smiths Hollow ist ein herrlicher Schauplatz. Nach außen wirkt alles nach amerikanischer Kleinstadtidylle, während darunter etwas fault, das niemand so richtig wahrhaben möchte, oder vielleicht gar nicht wahrhaben kann. Dieses schwer greifbare Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, obwohl die Menschen ihrem gewohnten Gang nachgehen, hat auf mich einen großen Reiz ausgeübt.

Thematisch greift die Autorin populäre Fragen der Gegenwart auf. Die Rolle von Frauen und Rassismus setzt sie in starken Akzenten ein, ohne ihre Horrorgeschichte damit zu überfrachten. Diese Aspekte drängen sich meinem Empfinden nach niemals vor die eigentliche Handlung, sondern kristallisieren sich beinahe selbstverständlich aus ihr heraus.

Im Mittelpunkt steht für mich die richtig gute Horror-Story. Es wird brutal, Gemetzel werden veranstaltet, ein bisschen Zauber drübergestreut und ein düsterer Pakt will vergolten werden. Genau diese Mischung aus bekannten Motiven und Henrys eigener Interpretation gefällt mir ausgezeichnet.

Auch das Tempo hat für mich gepasst. Es gibt einige ruhigere Passagen, in denen ich die Atmosphäre von Smiths Hollow und Laurens Leben verfolgen und das Geschehen einordnen konnte. Ich kann mir vorstellen, dass diese Stellen manchen Leserinnen und Lesern zu gemächlich sind. Für mich kamen allerdings immer wieder zum richtigen Zeitpunkt Spannungsszenen dazwischen, die für Trubel sorgten. Und wenn Christina Henry loslegt, dann legt sie eben los.

Das Finale empfand ich schließlich als düster, verzweifelt und richtig gut erzählt. Hier läuft das Drama zusammen und die Geschichte zeigt jene finstere Seite, wegen der ich die Autorin mittlerweile so gerne lese. Man merkt vermutlich, dass mich „Der Geisterbaum“ einmal mehr begeistert hat.

Mein Fazit
Für mich ist es eine großartige Horrorgeschichte, eingebettet in einen idyllischen Ort, der sich in einer ziemlich prekären Lage befindet. Fesselnd, blutig, atmosphärisch und genau meine Kragenweite.
★★★★★
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