Sonntag, 18. Oktober 2026

Rezension: Komm spielen - Linwood Barclay

Rezension
Komm spielen
Linwood Barclay
Meine Bewertung
★★★★★
Verlag · Aufbau · 2026
Seiten · 512
ISBN · 978-3746642499
Ein dunkles Spiel
Nach einem schweren Jahr zieht sich Annie mit ihrem kleinen Sohn Charlie ins beschauliche Castle Creek zurück. Doch mit der erhofften Ruhe ist es bald vorbei, denn in dem idyllischen Ort häufen sich merkwürdige Zwischenfälle. Als schließlich Charlie in Gefahr gerät, wird aus Annies ungutem Gefühl bitterer Ernst.

Von Linwood Barclay habe ich bereits ein Buch gelesen, das mir richtig gut gefallen und sogar ein bisschen Gänsehaut beschert hat. Ich mag Geschichten einfach gern, in denen Figuren in ein Haus einziehen und irgendwann feststellen müssen, dass sie dort möglicherweise nicht allein sind. Ein bisschen Geisterei und Gespenstisches geht bei mir meistens recht gut.

„Komm spielen“ ist keine klassische Geisterhaus-Geschichte. Als Thriller, wie es auf dem Cover steht, habe ich den Roman überhaupt nicht empfunden. Für mich ist das eindeutig Horror. Linwood Barclay erzählt langsam und subtil und lässt die Anspannung in kleinen, nuancierten Etappen wachsen.

Protagonistin Annie hat es richtig, richtig schwer gehabt. Das Schicksal hat sie ordentlich durchgebeutelt und mittlerweile ist sie an einem Punkt angekommen, an dem sie erst einmal wieder zu sich selbst finden muss. Das triebsame New York ist dafür eher mäßig geeignet. Also verbringt sie gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn den Sommer in Castle Creek. Hier soll Charlie sich austoben können und Annie hofft, vielleicht sogar wieder an einem neuen Kinderbuch zu arbeiten.

Annie fand ich als Figur total interessant. In Rückblenden erfährt man, was sie so aus der Bahn geworfen hat und warum sie sich momentan weder dem Leben noch ihrer Arbeit als Kinderbuchautorin und Illustratorin so richtig stellen mag. In Castle Creek machen der Junge und sie es sich erst einmal gemütlich. Sie genießen die schöne Sommerresidenz, einen vollgepackten Kühlschrank und all die Annehmlichkeiten des ländlichen Lebens, die ihnen aus New York eher fremd sind. Sogar das Nachbarspaar ist grundsätzlich nett.

Eigentlich könnte es ganz idyllisch sein. Doch dann geschehen merkwürdige Dinge.

In einem zweiten Erzählstrang führt Linwood Barclay in die Vergangenheit von Castle Creek. Dort begleiten wir den Sheriff und lernen die kleine Gemeinde aus seiner Perspektive kennen. Man kennt einander, passt aufeinander auf und versucht, gemeinsam gut über die Runden zu kommen. Bis ein Modell-Eisenbahn-Geschäft eröffnet und sich plötzlich ungewöhnliche Unfälle häufen. Irgendwann will der Gesetzeshüter nicht mehr so recht an Zufälle glauben.

Ich mochte sehr, wie Barclay aus diesen beiden Ebenen allmählich ein ungemütliches Bild zusammensetzt. Es passieren durchaus ein paar krasse Sachen, besonders manche Unfälle haben es in sich. Da braucht es schon ein bisschen böse Fantasie! Trotzdem suhlt sich das Buch nicht in seinen grausigen Ideen, sondern erzählt sie erstaunlich unaufgeregt aus der Perspektive der Figuren.

Auch die Motive der einzelnen Beteiligten haben mich neugierig gemacht. Der Sheriff kann die seltsamen Vorfälle nicht ruhen lassen, während der Besitzer des Modell-Eisenbahn-Geschäfts eifrig an seinem nächsten Kassenschlager werkelt. Wie das alles mit Annies Trauer in der Gegenwart und dem mulmigen Gefühl rund um ihren Sohn Charlie zusammenhängt, bleibt lange im Dunkeln. Man beobachtet die Figuren, versucht sich einen Reim darauf zu machen, und spürt genau, dass hier etwas Dunkles zu Werke ist.

Man merkt „Komm spielen“ an, dass Linwood Barclay sich an ein bekanntes Werk von Stephen King herangewagt und dessen Grundidee neu interpretiert hat. Das hat mir sehr gut gefallen. Vor allem bleibt das Figuren-Repertoire im Vergleich zum Original überschaubar und die Hintergründe bekommen genügend Raum, um sich zu entfalten. Dadurch verliert sich die Handlung nicht in zu vielen Nebenschauplätzen.

Die Erklärung für die unheimlichen Geschehnisse im Finale fand ich großartig. Hier fügt Barclay vieles zusammen und gibt dem Spuk einen Hintergrund, der mir richtig gut gefallen hat. Schade fand ich, dass anschließend alles ein bisschen zu schnell abgearbeitet wird. Die eigentliche Lösung war mir zu einfach. Nach all dem langsam aufgebauten Unbehagen hätte das Ende für meinen Geschmack ruhig noch ein wenig böser die Zähne zeigen dürfen.

Mein Fazit
„Komm spielen“ hat mir jedenfalls richtig gut gefallen. Linwood Barclay baut seine Geschichte düster und fesselnd auf, verwebt Vergangenheit und Gegenwart und lässt das Unheimliche langsam in eine vermeintlich idyllische Kleinstadt einsickern. Wer subtil erzählten Horror, eine winzige Prise Geisterhaus und eine Geschichte mag, bei der lange nicht klar ist, was eigentlich da seine Finger im Spiel hat, sollte sich durchaus trauen.
★★★★★
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