Ich mag Holly Gibney. Mittlerweile habe ich sie durch mehrere Romane und sogar Kurzgeschichten begleitet. Deshalb war für mich klar, dass ich irgendwann zu jenem Buch greifen werde, das schon vom Titel her ganz ihr gewidmet ist. Stephen King selbst konnte seine ursprünglich nur als Nebenfigur geplante Protagonistin offenbar ebenfalls nicht mehr loslassen, denn aus ihr ist längst eine eigenständige Detektivin geworden. Man kann „Holly“ ohne Vorkenntnisse lesen, wer allerdings die Vorgeschichte aus anderen Büchern, wie z.B. „Der Outsider“, kennt, freut sich umso mehr über das Wiedersehen.
Als fleißige Stephen-King-Leserin weiß ich, dass der Autor richtig gern mit Genres spielt. Manchmal begegnet uns Horror der übernatürlichen Art, dann wieder als subtile Bedrohung oder gesellschaftliches Phänomen. Und manchmal steckt das Grauen mitten in einem kniffligen Kriminalfall und ist erschreckend menschlich. Genau dort habe ich „Holly“ eingeordnet.
Holly Gibney geht es nicht sonderlich gut. Ihre Mutter ist gestorben, die Corona-Pandemie bestimmt den Alltag und ihr Detektei-Partner ist gesundheitlich ausgeknockt. Eigentlich hätte sie selbst genug zu verarbeiten. Trotzdem nimmt sie die Suche nach der jungen Bonnie auf, die seit Wochen verschwunden ist.
Es ist einer dieser Krimis, bei denen man als Leser:in schon mehr weiß als die Ermittlerin, genau wie es auch bei Kings Trilogie um Bill Hodges der Fall ist. Für mich ist das der Inspektor-Columbo-Stil. Den mag ich ausgesprochen gern, wenn er gut erzählt und umgesetzt ist. Denn die Spannung entsteht nicht unbedingt aus der Frage, wer hinter allem steckt. Viel interessanter ist, ob und wie die ermittelnde Person der Tat auf die Schliche kommt. Und Stephen King ist ein Meister der erzählerischen Umsetzung.
Relativ früh kennt man also die Gegenseite. Dort wartet ein betagtes Professorenpaar, hochgebildet, intelligent und nach außen ausgesprochen respektabel. Hinter dieser Fassade verbirgt sich etwas derart Böses und Bizarres, dass es mich beim Lesen richtig geschüttelt hat. Denn die beiden haben ganz eigene Vorstellungen davon, wie man den Beschwerden des Alters ein Schnippchen schlagen könnte. Viel mehr möchte ich darüber eigentlich gar nicht verraten.
King spielt herrlich mit Bildung, gesellschaftlichem Ansehen und vollkommenem Wahn. Die Vorgehensweise des Duo ist durchdacht, geduldig und erschreckend pragmatisch. Was im Hintergrund tatsächlich passiert, steht dazu in einem so grotesken Gegensatz, dass ich manches Mal am liebsten laut aufgeschrien hätte. Diese Mischung aus beinahe liebenswürdiger Bürgerlichkeit und absoluter Abscheulichkeit fand ich grandios.
Währenddessen beginnt Holly, sich langsam durch den Vermisstenfall zu arbeiten. Ihr dabei über die Schulter zu schauen, hat mir wieder extrem große Freude gemacht. Ich mag ihre Gedankengänge. Sie sammelt Informationen, stellt Verbindungen her, gerät auf falsche Fährten und folgt manchmal einem Irrläufer. Dabei arbeitet sie konzentriert weiter und kommt dem Schrecken Schritt für Schritt näher.
Daneben hat die Ermittlerin mit ihrem eigenen Leben genug zu tun. Besonders der Tod ihrer Mutter setzt ihr zu. Die Beziehung der beiden war schon immer schwierig und nun muss Holly mit widersprüchlichen Gefühlen zurechtkommen, während sie pandemiebedingt weitgehend von aufbauendem Zuspruch abgeschnitten ist. Als wäre das nicht genug, kommt sie nachträglich auch noch einem bitterbösen Winkelzug auf die Schliche, den sie erst einmal verdauen muss.
Auch Jerome und seine jüngere Schwester sind wieder mit von der Partie. Dieses Geschwisterpaar, das ursprünglich über Bill Hodges in Hollys Leben gekommen ist, mag ich ebenfalls sehr gerne. Diesmal können sie ihr jedoch nur eingeschränkt zur Seite stehen. Beide haben ihre eigenen Projekte und beginnen zunehmend, ein unabhängiges Leben zu führen. Also muss Holly vieles allein stemmen, was sie richtig gut schafft.
Stephen King verankert die Geschichte deutlich in der Zeit der Corona-Pandemie. Die Pandemie gehört zum Alltag der Figuren und beeinflusst ihr Verhalten, ihre Kontakte und ihre Möglichkeiten. Ich habe dabei keinen erhobenen Zeigefinger empfunden. Auch Kings Kritik am damaligen US-Präsidenten war für mich in den Roman eingebettet, ohne das eigentliche Geschehen zu überlagern.
Am stärksten fand ich ohnehin den Fall selbst. Denn „Holly“ braucht keine übernatürliche Kreatur, die nachts aus irgendeinem finsteren Winkel gekrochen kommt. Das Ungeheuer ist längst da. Es ist gebildet, angesehen, freundlich und vermutlich jemand, dem man bei einer zufälligen Begegnung höflich die Tür aufhalten würde. In dieser erschreckenden Normalität liegt für mich das wahre Grauen.
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