Mit Queen Victoria ist das bei mir so eine Sache. Natürlich kannte ich ihren Namen, wusste, dass eine ganze Epoche nach ihr benannt ist und sie über ein riesiges Empire herrschte. Viel mehr wusste ich über sie allerdings nicht. Deshalb habe ich mich auf Elisa Jakobs Romanbiografie eingelassen.
Ich habe Königin Victoria von einer anderen Seite kennengelernt, als ich erwartet hatte. Selbstverständlich steht sie als Queen im Mittelpunkt, doch es ist vor allem ihre Ehe mit Albert, die den Kern des Romans bildet. Das war ausgesprochen interessant.
Die Beziehung von Victoria und Albert wird nicht als schmückendes Beiwerk behandelt. Ihre Verbindung besteht aus unterschiedlichen Vorstellungen, kleinen Reibereien und der ungewöhnlichen Rollenverteilung. Denn Victoria ist die Königin und Albert ihr Ehemann. Dass ihm diese Konstellation nicht immer leichtfällt, konnte ich durchaus nachvollziehen. Gleichzeitig dachte ich mir, dass er schon wusste, wen er da heiratet.
Der Roman ist also keineswegs eine makellose Liebesgeschichte im historischen Gewand, sondern es geht darum, dass sie sich nah sind und trotzdem eigene Vorstellungen haben.
Überhaupt hat mir gefallen, dass Victoria nicht zur überhöhten historischen Figur stilisiert wird. Sie ist eine außergewöhnliche Frau, aber auch jemand, der ordentlich schnippisch sein kann, mit ihren vielen Schwangerschaften hadert, mit ihrer Familie ringt und sich nach Alberts Tod in völliger Trauer verliert.
Erst mit Alberts Tod kommt richtig an die Oberfläche, wie wichtig diese Ehe Victoria war. Ihre Trauer nimmt außerordentlich viel Raum in ihrem Leben ein und verändert sie. Ihre Verzweiflung konnte ich gut nachvollziehen, doch im Kreis ihrer Lieben, ist man versucht, ihr einen Schubs zu geben und sie an das Leben zu erinnern.
Neben der persönlichen Geschichte arbeitet die Autorin viele Fakten ein. Politische Ereignisse, gesellschaftliche Veränderungen und technische Errungenschaften fließen sanft und natürlich in den Roman ein, ohne dass es sich wie eine Abhandlung liest. Post und Briefmarken, die Polizei, die Weltausstellung, der Krimkrieg, Florence Nightingale und viele weitere Details finden ganz selbstverständlich ihren Platz. Beim Lesen habe ich einiges gelernt und an mehreren Stellen habe ich selbst nachgeschlagen, weil ich mehr darüber erfahren wollte.
Auffällig ist auch die Diskrepanz zwischen Victorias gewaltiger historischer Bedeutung und dem vergleichsweise ruhigen Romanhergang. Immerhin sprechen wir von einer Frau, deren Regentschaft ein ganzes Zeitalter prägte. Trotzdem verläuft ihr Leben über weite Strecken unaufgeregt. Es geht um Familie, Ehe, Kinder, Pflichten, Politik und um die Anforderungen ihrer Krone.
Auch die privilegierte Welt des Hofes wird nicht beschönigt. Besonders im Zusammenhang mit der irischen Hungersnot fand ich die Gegensätze zwischen höfischem Leben und der Not der Bevölkerung durchaus erschütternd. Die Autorin wertet Victoria dabei nicht, sondern lässt ihre Leser:innen selbst nachdenken.
Den Erzählstil empfand ich als angenehm und leicht zugänglich. Manches plätschert doch etwas ruhig dahin, wobei ich nicht sicher bin, ob das tatsächlich am Stil der Autorin oder vielmehr an Victorias vergleichsweise unspektakulären Alltag liegt.
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