Mit S. K. Tremayne habe ich recht unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Manchmal bringen mich seine Thriller ordentlich zum Schaudern, manchmal langweilen sie mich eher. Das Spektrum ist ziemlich breit. Trotzdem hat der Autor einen Stil, zu dem ich immer wieder gerne greife. Entsprechend gespannt war ich auf „Die Klippe“. Zudem ist mir der Begriff „Haunted House“ im Klappentext sofort angesprungen. Damit kriegt man mich eben.
Im Mittelpunkt steht Karenza Bray, die nach einem schweren Schicksalsschlag ein zurückgezogenes Leben führt. Die Protagonistin ist ein eigener Typ. Ihr Heim teilt sie mit Chamäleon Otto und Kater Grüffelo, zwei ausgesprochen angenehme Zeitgenossen, die der Geschichte tierischen Charme verleihen. Vor allem Otto dient gelegentlich als Entscheidungshilfe.
Beruflich wollte Karenza kürzertreten. Über Jahre hinweg hat sie mit den richtig harten Jungs gearbeitet und sich nun vermeintlich harmloseren Fällen zugewandt. Nur sind die weder sonderlich gewinnbringend noch aufregend. Da braucht es nicht viel, um sie mit einem neuen Mandat zu locken.
In Cornwall wartet eine verstörte und ziemlich bizarre Familie auf sie. Die Mutter ist unter mysteriösen Umständen an der Steilküste ums Leben gekommen, der Vater weiß sich nicht mehr zu helfen und seine beiden Kinder verhalten sich merkwürdig. Sie sprechen von Geistern und dunklen Bedrohungen. Irgendwann steht sogar die Frage im Raum, ob sich in dem alten Gutshaus tatsächlich etwas herumtreibt, das dort nichts verloren hat.
Karenza hält von solchen Erklärungen erst einmal herzlich wenig. Das fand ich an „Die Klippe“ besonders interessant. S. K. Tremayne erzählt keine typische Haunted-House-Geschichte, sondern betrachtet vermeintlich übernatürliche Phänomene durch die nüchterne Brille einer Wissenschaftlerin. Karenza versucht, das Verhalten der Kinder psychologisch einzuordnen, selbst wenn die Atmosphäre irgendwann an ihrem Rationalismus zu knabbern beginnt. Richtig unheimlich wurde es für mich deshalb nie. Trotzdem hat mir der Roman ordentlich herbstliche Schauer-Vibes beschert.
Das liegt vor allem am Schauplatz. Die Geschichte spielt vom späteren Herbst bis hinein in den Winter. Cornwall ist nass, matschig, kalt und drückend. Die touristische Leichtigkeit des Sommers ist verschwunden und zurück bleibt eine Gegend, die sehr roh wirkt.
Dazu kratzt Tremayne kräftig an der romantischen Fassade. Er erzählt von der rauen Vergangenheit mit Bergbau und Piraterie, aber auch von aktuellen Problemen wie unbezahlbarem Wohnraum. Das hat wenig mit den lieblichen Klischees zu tun, die sonst durch Rosamunde-Pilcher-Filme spuken, und gibt der Kulisse wunderbar triste Konturen. Karenza kennt diese Seiten genau. Als Einheimische lässt sie sich vom pittoresken Schein nicht blenden.
Tremayne lässt sich anfangs Zeit. Man lernt Karenza, ihre Vergangenheit und das echte Cornwall kennen. Erst nach und nach wird deutlich, warum ausgerechnet die Arbeit mit dieser Familie für sie emotional so extrem schwierig ist. Ich mochte dieses langsame Herantasten. Der Fall wächst gemeinsam mit der Ermittlerin und der Atmosphäre, ohne sich sofort mit Gewalt in den Vordergrund zu drängen.
Am Ende musste ich feststellen, dass es der Auftakt einer Reihe ist. Eigentlich bin ich gar kein Fan von Buchreihen, aber bei Karenza Bray werde ich wohl eine Ausnahme machen müssen. Der Verlag beschreibt sie als atmosphärische Thriller-Serie mit Grusel-Elementen. Das trifft ziemlich genau das, was ich bekommen habe. Wenn Karenza also ihren nächsten Fall übernimmt, bin ich gerne wieder dabei. Schon allein, um zu sehen, welche Farbe Chamäleon Otto als Nächstes annimmt.
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