Samstag, 12. September 2026

Rezension: Missing Page - Katie Kento

Rezension
Missing Page
Katie Kento
Meine Bewertung
★★★★
Verlag · Lübbe Audio · 2026
Dauer · 13 h : 16 min
ASIN · B0GSZK2NVX
Sprecher · Hannah Schepmann
Alles Eierbecher.
Die 17-jährige Toni landet für einen Schreibworkshop in einem abgelegenen Herrenhaus in Schottland, wo ein Bestsellerautor sein Vermögen unter den Nachwuchstalenten auslobt. Doch dann zieht ein Sturm auf, seltsame Dinge geschehen und Toni wird von merkwürdigen Träumen heimgesucht. Als der Wettbewerb plötzlich blutig wird, weiß niemand mehr, wo die Wirklichkeit aufhört und der Albtraum beginnt.

Katie Kento war mir bisher unbekannt und bei Young-Adult-Romanen halte ich mich inzwischen eher zurück, da ich altersmäßig nicht mehr ganz zur Zielgruppe gehöre. Die vielen positiven Stimmen zur Autorin haben mich allerdings neugierig gemacht. Außerdem wollte ich unbedingt wissen, was es mit der titelgebenden fehlenden Seite auf sich hat.

Die 17-jährige Toni reist nach Schottland, um an einem Schreib-Workshop eines Bestsellerautors teilzunehmen. Darin gibt es einiges mitzunehmen, wie Wissen, Können, wertvolle Tipps eines alten Hasen, vielleicht sogar ein Vermögen und einen Eierbecher. Denn der kauzige Schriftsteller hat angekündigt, einer Person aus der Gruppe sein gesamtes Erbe zu vermachen. Was der Eierbecher damit zu tun hat, verrate ich allerdings nicht.

Beim Stichwort Schottland denkt man sofort an alte, abgelegene Anwesen, einen etwas eigenwilligen Hausherrn und an Personal, das seine ganz eigenen Vorstellungen davon hat, wie man sich zu benehmen hat. Mit diesem Gedankengang liegt man hier absolut richtig. Katie Kento nimmt dieses klassische Szenario, versieht es mit ihrem eigenen Charme und lässt eine Gruppe junger Nachwuchs-Schriftsteller:innen in die alten Mauern einziehen.

Die Bediensteten fürchten ihren Herren augenscheinlich, begegnen den ungewohnten Gästen mit strengem Augenmaß und wirken nicht gerade begeistert davon, dass plötzlich mehr Leben in der Bude herrscht. Andererseits bringt der jugendliche Schwung auch willkommene Abwechslung in das Anwesen. Sie wissen also nicht so recht, ob sie sich über die Gäste freuen oder sich über sie ärgern sollen. Und nein, das verheimlicht das Personal wahrlich nicht.

Der alte Bestsellerautor selbst ist ebenfalls ein kauziger Zeitgenosse. Er lebt gut von seinen Büchern, geht dem Ruhm allerdings konsequent aus dem Weg und schottet sich zunehmend von der Öffentlichkeit ab. Trotzdem stellt er seine Erfahrung zur Verfügung, um einer jungen Generation von Schreiberlingen den Einstieg zu erleichtern. Dabei bleibt er schwer einzuschätzen. Er ist distanziert, kritisch und mit Aufgaben im Gepäck, die dem einen oder anderen Talent vielleicht tatsächlich auf die Sprünge helfen.

Die Workshop-Teilnehmer:innen wurden von ihren Agenturen ausgewählt, alle mit einem anderen Genre, eigenen Ambitionen und der Hoffnung auf den großen Durchbruch. Außer Toni. Denn Toni hat ihre ganz eigenen Pläne und andere Absichten, als es den Anschein hat.

Ganz am Anfang habe ich mich fast ein bisschen geärgert und mich gefragt, worauf ich mich hier eingelassen habe. Mir war das Ganze zu sehr mit Girly-Touch versehen und zu flauschig erzählt. Doch da hatte ich die Rechnung ohne Toni gemacht. Die Erzählerin entwickelt nämlich ziemlich schnell freche, selbstironische und sarkastische Züge, mit denen sie bei mir offene Türen eingerannt hat.

Auch die übrigen Teilnehmer:innen haben mir gut gefallen. Zwischen ihnen und Toni entwickeln sich witzige und bissige Dialoge, ohne dass die Geschichte dabei in eine derbere Sprache abrutscht. Alles bleibt wunderbar passend für eine jüngere Leserschaft und ich mochte es wirklich gern.

Denn „Missing Page“ entpuppt sich als ziemlich ausgeklügeltes Verwirrspiel, das mir großen Spaß gemacht hat. Im Grunde hatte ich das Gefühl, einen Krimi nach dem Vorbild von Agatha Christie zu lesen, nur mit ordentlich Pep im Gepäck und deutlich mehr Jugendzimmer als Herrenhausbibliothek. Es gibt Indizien, Theorien, Motive, Verbrechen, wechselnde Verdächtige und immer wieder neue Wendungen. Wer eben noch wie ein Unschuldslamm wirkt, steht im nächsten Augenblick in einem völlig anderen Licht.

Da werden Bündnisse geschmiedet, Theorien verfolgt und wieder verworfen, es wird ordentlich auf den Zahn gefühlt und manches Mal sogar eine Leiche versteckt. Welche Taten genau dahinterstecken, lasse ich natürlich außen vor. Schließlich macht gerade das Rätselraten einen großen Teil des Vergnügens aus. Besonders schön fand ich, dass wirklich jede Figur unter Tatverdacht steht.

Und dann wäre da noch der Eierbecher. Dieser geheimnisvolle kleine Gegenstand beschäftigt nicht nur manche Figuren, sondern irgendwann auch mich als Leserin. „Nicht schon wieder der Eierbecher!“, habe ich mir nicht nur einmal gedacht und dabei halb amüsiert, halb genervt die Augen verdreht. Insgesamt ist er aber ein herrlich schräges Detail, das sich großartig einfügt.

Die ersten drei Viertel des Romans sind dabei fast wie Öl geflutscht. Es wird gesammelt, kombiniert, verdächtigt und wieder alles über den Haufen geworfen. In der anschließenden Aufklärungsphase schaltet die Geschichte deutlich herunter. In Agatha-Christie-Manier wird vor versammelter Mannschaft alles aufgedröselt und abgearbeitet. Das hat sich für mich recht gezogen und ich hätte mir etwas mehr Tempo gewünscht.

Die Auflösung selbst war für meinen Geschmack ein bisschen weit hergeholt. Allerdings fängt der jugendliche Esprit des gesamten Romans das ziemlich gut auf. Denn „Missing Page“ nimmt sich selbst nicht übermäßig ernst und lebt von seinen schrägen Ideen, seinen spritzigen Figuren und dem Vergnügen am gemeinsamen Rätselraten.

Mein Fazit
Jedenfalls ist „Missing Page“ für mich ein herrlicher Young-Adult-Krimi mit viel Amusement, einer gehörigen Portion Verwirrspiel und einem äußerst interessanten Fall. Katie Kento hat mich damit trotz meiner anfänglichen Skepsis richtig gut unterhalten.
★★★★
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