Mittwoch, 21. Oktober 2026

Rezension: Unsterblich - Michaela Kastel

Rezension
Unsterblich
Michaela Kastel
Meine Bewertung
★★★★★
Verlag · Heyne · 2023
Seiten · 368
ISBN · 978-3453427594
Düster und grausig
Sonja wohnt zurückgezogen im Wald, wo sie ihr Geld als Tierpräparatorin verdient. Um über die Runden zu kommen, nimmt sie auch zweifelhafte Aufträge an. Doch dann begegnet sie einem Mann und beginnt von einem anderen Leben zu träumen. Durch einen letzten Auftrag holt sie jedoch unvermutet dunkle Geheimnisse ans Licht.

Ich mag Michaela Kastel, weil sie ihre Figuren nicht einfach nett und sympathisch in eine Geschichte stellt. Sie kratzt lieber an ihnen herum, bis die dunklen Seiten zum Vorschein kommen. Bei Sonja musste ich deshalb nicht lange überlegen, ob ich ihr einen Besuch im Wald abstatten möchte. Natürlich wollte ich.

Sonja lebt abgeschieden in einem Haus, das sie von ihrem Großvater geerbt hat. Dort arbeitet sie als Tierpräparatorin und hat sich bei einer ziemlich speziellen Kundschaft einen Namen gemacht. Wer zu ihr kommt, hat nicht unbedingt alltägliche Wünsche. Sonja erfüllt sie mit großer Sorgfalt und erstaunlich viel Liebe zum Detail.

Und damit wären wir auch gleich bei der Warnung für alle, die einen empfindlichen Magen haben: In „Unsterblich“ wird gehäutet, geschlitzt, getrocknet und eingelegt, was das Zeug hält. Michaela Kastel nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und beschreibt Sonjas Handwerk ziemlich genau. Diese Thematik und die Beschreibungen fand ich absolut faszinierend. Das Ganze wirkt nicht wie billige Effekthascherei, sondern gehört ganz selbstverständlich zu Sonjas Leben und ihrem Beruf. Sie betrachtet ihre Arbeit nicht als etwas Grausiges, sondern konzentriert sich auf das perfekte Ergebnis.

Sonja selbst ist ein ziemlich grantiges Waldweib. Sie hält die Menschen auf Abstand und die Menschen halten ihrerseits Abstand zu ihr. Genau betrachtet kein großes Wunder: Eine junge Frau, die irgendwo im Wald wohnt, Tiere präpariert und einen eher eigenwilligen Großvater hatte, lädt nicht gerade dazu ein, beim Dorffest den nächsten Tanz zu eröffnen. Dennoch merkt man schnell, dass hinter ihrer abweisenden Art einiges steckt. Sonja ist nicht einfach eine schrullige Außenseiterin, sondern eine Frau, die gelernt hat, mit möglichst wenig Nähe zu anderen Menschen auszukommen.

Wegen ihrer finanziellen Situation gerät sie immer tiefer in finstere Geschäfte. Nach und nach werden sehr ungewöhnliche Produkte bei ihr bestellt und schließlich erreicht die Geschichte einen Punkt, an dem selbst ich kurz schlucken musste. Die Aufträge werden immer abgründiger und Sonja gerät zunehmend in einen moralischen Zwiespalt. Sie weiß, dass manche Dinge falsch sind, braucht aber dringend das Geld.

Das hat mir an der Geschichte richtig gut gefallen. Michaela Kastel legt Sonja und ihre Umwelt so an, dass man nicht einfach gemütlich zwischen Gut und Böse sortieren kann. Auch die Hintergründe rund um Sonjas Familie haben es in sich. Nach und nach kommen Dinge aus ihrer Vergangenheit ans Licht, die Sonja selbst nicht kennt. Dabei gerät sie ordentlich ins Wanken.

Neben all den Abgründen gibt es mit dem neuen Tierarzt im Ort sogar eine zarte Seite der Geschichte. Sonja lernt einen jungen Witwer kennen, der eine kleine Tochter hat, und plötzlich bekommt ihr abgeschottetes Leben eine neue Richtung. Sie ist zwar nach wie vor nicht gerade der Inbegriff von Liebenswürdigkeit, aber gerade das macht ihre Entwicklung interessant.

Lange Zeit war ich richtig begeistert bzw. eher fasziniert von „Unsterblich“. Die Geschichte ist ungewöhnlich, stellenweise richtig böse und hat mir mehr als einmal ein flaues Gefühl im Magen beschert. Nicht nur wegen der sehr detaillierten Beschreibungen von Sonjas Handwerk, sondern vor allem wegen der Ideen, die Michaela Kastel hier verarbeitet. Sicherlich ist manches konstruiert. Trotzdem hatte ich immer wieder dieses Gefühl von „Was zum Teufel kommt jetzt noch?“, was mich schon fast umgehauen hat.

Nur beim Rachefeldzug am Ende war ich raus. Die Autorin legt in ihrer Geschichte plötzlich einen regelrechten „Kill Bill“-Auftritt hin und das war mir einfach zu drüber. Ich hätte diesen Teil nicht gebraucht. Für mich passte diese Eskalation nicht mehr zu der Geschichte, die sich bis dahin entwickelt hatte. Das war mir zu plakativ und hat einen Teil der Spannung genommen.

Trotzdem ist es eine richtig außergewöhnliche Geschichte mit einer Protagonistin, die ich garantiert nicht so schnell vergessen werde. „Unsterblich“ ist düster, grausig und definitiv nichts für zart besaitete Leserinnen und Leser. Es sind aber nicht bloße Schockmomente, sondern es ist die Protagonistin an sich, die mit ihrer grantigen Art, ihrem einsamen Alltag und der speziellen Berufswahl fasziniert.

Mein Fazit
Meiner Meinung nach ist „Unsterblich“ ein Buch, das aus der Masse heraussticht. Und wenn ich nach dem Lesen noch darüber nachdenke, wie zum Henker jemand auf die Idee gekommen ist, eine solche Geschichte zu schreiben, dann hat die Autorin definitiv eines geschafft: Sie hat mich beeindruckt.
★★★★★
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