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| © dtv |
| Riley Sager |
Verlag: dtv 2026
Seiten: 448
ISBN: 978-3423221405
MEINE BEWERTUNG
- ★★★★★ -
ISBN: 978-3423221405
MEINE BEWERTUNG
- ★★★★★ -
Schatten über der Vorstadt-Idylle
Vor dreißig Jahren wurde Hemlock Circle zum Schauplatz eines unbegreiflichen Verschwindens: In einer warmen Sommernacht löste sich der zehnjährige Billy spurlos aus dem Zelt seines Freundes Ethan und blieb für immer verschollen. Als Ethan Jahrzehnte später in seine Heimat zurückkehrt, holen ihn Schlaflosigkeit und düstere Erinnerungen ein.
Riley Sager kann mich einfach jedes Mal packen. Auch „Middle of the Night“ hat das auf die gewohnte Art des Autors geschafft. Ich war sofort drin, regelrecht eingesaugt von dieser scheinbar harmlosen Siedlung, aus der man sich als Leser:in kaum lösen kann. Dieser Thriller hat mich regelrecht festgehalten.
Im Mittelpunkt steht Ethan Marsh. Er ist inzwischen vierzig und widerwillig in sein Elternhaus zurückgekehrt. Seine Eltern sind dem Rentenalter entsprechend nach Florida gezogen. Ethans Leben wirkt brüchig, provisorisch und aus dem Tritt geraten. Eine gescheiterte Beziehung liegt hinter ihm, finanzielle Unsicherheiten schimmern durch, und man spürt schnell, dass hier mehr im Argen liegt, als offen ausgesprochen wird. Warum steht er an diesem Punkt?
Über allem schwebt das Verschwinden seines besten Freundes Billy, der sich vor dreißig Jahren mitten in einer Sommernacht aus einem Zelt im Garten in Luft auflöste und nie zurückkam. Dieses Ereignis hat Ethan nie losgelassen. Schlaflose Nächte, Alpträume und die Rückkehr in die alte Nachbarschaft lassen Vergangenheit und Gegenwart unaufhaltsam aufeinanderprallen.
Die Geschichte entfaltet sich auf zwei Zeitebenen, was für mich hervorragend funktioniert hat. In der Gegenwart schleichen sich unheimliche Beobachtungen ein, kleine Verschiebungen im Vertrauten, nächtliche Szenen, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob hier etwas Übernatürliches im Spiel ist oder ob Ethan seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen kann. Sager versteht es großartig, diese Unsicherheit aufzubauen.
Der Vergangenheitsstrang zeigt Ethan und Billy als Kinder, ihre Freundschaft, ihre Streifzüge, ihre Neugier. Diese Passagen haben für mich fast etwas von einem Coming-of-Age-Roman, getragen von einer melancholischen Grundstimmung. Gleichzeitig wird klar, dass auch damals nicht alles so unschuldig war, wie es auf den ersten Blick scheint. Kleine Hinweise, seltsame Vorkommnisse, unausgesprochene Dinge. Besonders spannend fand ich, wie sehr sich Ethans heutiger Blick von dem des Kindes unterscheidet. Was hat er damals nicht erkannt, weil er zu jung dafür gewesen ist?
Die Nebenfiguren fügen sich stimmig in dieses bröckelnde Idyll ein. Da ist Russ, der schon als Kind irgendwie querstand und auch als Erwachsener schwer greifbar bleibt. Ashley, die damals als Babysitterin Verantwortung übernommen hat und deren Lebensweg alles andere als geradlinig verlief. Und dann diese Erwachsenenwelt von damals, in der Jobs verloren gehen, Geheimnisse geteilt werden und vieles nur hinter vorgehaltener Hand existiert. Je mehr sich das Bild vervollständigt, desto deutlicher wird, dass Hemlock Circle nie der Ort war, den Ethan in Erinnerung hat.
Ich mochte, wie Riley Sager mit Motiven spielt, die zwischen Realität und Einbildung pendeln. Ein altes Buch über Geister, nächtliche Zeichen aus der Vergangenheit, technische Hilfsmittel, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Dieses Spiel gefällt mir sehr, weil Sager immer wieder geschickt ablenkt und neue Spuren legt. Meine Theorien gingen mir irgendwann aus, und das passiert mir bei Thrillern wirklich selten.
Erzählerisch wechselt der Autor zwischen den Perspektiven. Er lässt unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Anfangs war ich kurz irritiert, doch schnell war mir klar, dass ich tiefer in die Geheimnisse von Hemlock Circle eintauche. Man erfährt Dinge, ohne sie vollständig einordnen zu können, wodurch die Spannung hochgehalten wird.
Gegen Ende zieht das Tempo deutlich an. Es passiert viel, manches wirkt fast überbordend, wie es im Genre gern gemacht wird. Nicht jede Bredouille hätte ich gebraucht, und das Finale schießt für meinen Geschmack etwas über das Ziel hinaus. Trotzdem hat mir der Kern der Auflösung gefallen.
Das Ende empfand ich als versöhnlich, wenn auch etwas kitschig. Es gibt Halt und verändert Hemlock Circle endgültig. Diese Entwicklung wirkte auf mich erstaunlich realistisch und hat dem Roman einen runden Abschluss gegeben.
„Middle of the Night“ ist für mich ein atmosphärisch dichter Thriller, der von schleichender Unruhe und einer subtilen Schauernote getragen wird. Zudem steht die Frage im Raum, wie sehr uns unsere Kindheit prägt. Riley Sager spielt gekonnt mit Erwartungen, führt bewusst in die Irre und schafft es, dass man bis zum Schluss nicht sicher ist, welcher Erklärung man trauen soll. Ich fühle mich einmal mehr darin bestätigt, dass ich seine Thriller gerne lese, und hoffe bald auf ein weiteres Buch von ihm.
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