Manchmal braucht man für ein Buch etwas länger. Nicht unbedingt, weil die Geschichte kompliziert ist, sondern weil man sich ein bisschen an einem ausufernden Strand verloren hat. So ist es mir mit „Das schwarze Haus“ von Stephen King und Peter Straub ergangen.
Der Roman ist die Fortsetzung von „Der Talisman“ und führt die Geschichte von Jack Sawyer rund zwanzig Jahre später weiter. Aus dem zwölfjährigen Jungen ist ein erwachsener Polizist geworden, der mit seiner Vergangenheit nicht mehr viel zu tun haben möchte. Doch dann gerät er an einen Fall, der ihn unbarmherzig mit Dingen konfrontiert, die er längst vergessen glaubte.
Vom Einstieg war ich ziemlich angetan. Die Geschichte beginnt mit einer unheimlichen, beinahe geisterhaften Perspektive. Man schwebt wie eine unsichtbare Kamera durch die Szenerie, bekommt Einblicke in verschiedene Personen und Orte und wird langsam in die Handlung geführt. Das hat etwas Eigenwilliges und erinnerte mich stellenweise an den Stil von Ray Bradbury.
Zuerst fand ich diese Erzählart richtig interessant. Mit der Zeit wollte ich aber endlich näher an die Figuren herankommen. Diese allwissende Stimme hält einen nämlich ein bisschen auf Abstand. Man beobachtet lange, statt wirklich mitten im Geschehen zu stehen.
Die Geschichte legt sehr langsam ihre Fäden aus.
In einer Kleinstadt geht ein Serienmörder um. Kinder verschwinden, die Polizei steht unter Druck und die Angst vor dem sogenannten „Fisherman“ greift um sich. Man lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen, darunter Polizisten, Bewohner eines Seniorenheims und natürlich Jack Sawyer.
King und Straub nehmen sich sehr viel Zeit. Sehr viel. Ich liebe Kings ausschweifende Erzählweise normalerweise. Wenn er mir die Geschichte eines Hauses erzählt, möchte ich durchaus wissen, wer darin gewohnt hat, wie es gebaut wurde und was sich im Lauf der Jahre darin abgespielt hat. Auch ein scheinbar unwichtiger Ort darf bei ihm gerne seinen Hintergrund bekommen.
Bei „Das schwarze Haus“ hatte ich aber das Gefühl, dass sich King und Straub gegenseitig übertrumpfen wollten, wer noch ein bisschen ausführlicher erzählen kann. Und ich war irgendwann die Schnecke, die sich mühsam über die Seiten bewegt.
Viele Passagen haben mir sehr gefallen, gerade weil sie so detailliert beschrieben sind. Doch dann wird ein Nebenschauplatz derart minutiös behandelt, dass man fast rückwärtsgeht. Zum Beispiel gibt es eine ausführliche Filmszene, bei der ich irgendwann dachte: „Ja, ich habe verstanden, dass dieser Film wichtig ist. Wir können jetzt bitte weitermachen.“ Das Tempo hat für mich nicht funktioniert und ich habe mich tatsächlich durch etliche Kapitel geschneckt.
Ansonsten mochte ich die Geschichte sehr. Jack Sawyer als Erwachsenen wiederzutreffen war interessant. Ich mochte die Verbindung zum „Dunklen Turm“. Der Turm selbst, die Balken, Roland und weitere Begriffe aus diesem Kosmos spielen eine Rolle. Wer die Reihe kennt, wird hier einiges entdecken.
Vor allem hat mich die Atmosphäre erwischt. Das schwarze Haus selbst wird lange aufgebaut, bevor man ihm wirklich nahe kommt. Es ist abgeschottet, dunkel und von einer unangenehmen Aura umgeben. Man weiß sofort, dort stimmt etwas nicht nicht.
Es war meist schön düster und zwischendurch gibt es Passagen, die unter die Haut gehen. Es entsteht ein Gefühl, dass sich hinter der normalen Welt etwas ganz anderes befindet. Dass Menschen Dinge wahrnehmen, die sie eigentlich nicht wahrnehmen dürfen. Dass Erinnerungen nicht zuverlässig sind und dass Orte eine Geschichte besitzen, die man vielleicht besser nicht kennen sollte.
Hinzu kommt eine ganze Reihe von Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Mir hat die Biker-Gang besonders gefallen. Schon optisch könnte man sie vermutlich ziemlich schnell in eine bestimmte Schublade stecken. Jedoch liegt einiges hinter dieser Aufmachung und man hat es mit gebildeten, belesenen und reflektierten Schlägertypen zu tun.
Nur hätte ich mir gewünscht, dass King und Straub ihren Leser:innen etwas weniger Geduld abverlangen. Trotz aller Schneckenwanderungen meinerseits wollte ich wissen, wohin dieser Weg führt, und ich bin letztendlich froh, dass ich Jacks Geschichte weiterverfolgt habe.
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