Ein erfolgreicher Schriftsteller, liebender Vater, angesehener Bürger, nebenbei Serienmörder. Als ich von dieser merkwürdigen Konstellation gelesen habe, bin ich natürlich neugierig geworden. Mein erster Gedanke war, dass darin ordentlich Highlight-Potenzial steckt. Es wurde leider nicht ausgeschöpft.
Lucas Cole war zu Lebzeiten ein erfolgreicher Autor und in seiner Heimatstadt so etwas wie ein lokaler Star. Bekannt, beliebt und angesehen. Entsprechend groß ist die Bestürzung, als er sich auf ziemlich unangenehme Weise das Leben nimmt. Doch kaum jemand weiß, dass er ein Serienmörder ist.
Seine Kinder wussten hingegen sehr genau, wozu ihr Vater fähig war. Sohn Nathan hat eine bizarre und beängstigende Kindheit hinter sich und ist als Jugendlicher von zu Hause abgehauen. Nach dem Tod des Vaters kehrt er in die Heimatstadt zurück, nimmt am Begräbnis teil und stößt im Elternhaus auf das unveröffentlichte Manuskript „The Midnight King“.
In diesem Text verarbeitet Lucas seine dunklen Fantasien, seine Taten und den Umgang mit der eigenen Familie. Für Nathan wird das Manuskript zu einem Blick zurück in seine Kindheit und zur Suche nach einem Hinweis. Denn die achtjährige Chloe ist kurz vor dem Freitod des Autors verschwunden.
Dieses Konzept fand ich anfangs total faszinierend. Mit morbidem Interesse habe ich mich in Lucas Coles Vergangenheit als Serienmörder ziehen lassen und versucht zu begreifen, was in der völlig durchgeknallten Gedankenwelt dieses Mannes vor sich ging. Erstaunlich fand ich, dass er über Jahre hinweg nicht verdächtigt wurde. Vor allem, weil seine Kinder sehr früh mehr wussten, als Kinder jemals wissen sollten.
Die Ausgangslage hat also einiges hergegeben. Das Setting ist düster, die Familiengeschichte abgründig und über allem schwebt ein toter Mörder, dessen Schatten noch bemerkenswert gefährlich ist.
Hinzu kommt eine zweite Perspektive. Auch Nathans ehemaliger Schulkollege Isaac ist als gebrandmarkter Ex-Cop zurück in die Stadt gekehrt. Er strebt eine Existenz als Privatdetektiv an und die Eltern der verschwundenen Chloe beauftragen ihn.
Damit entwickelt sich eine Suche aus zwei Blickwinkeln, die für mich lange fast wie True Crime gewirkt hat. Vieles fühlt sich realistisch, dunkel und unheilvoll an. Anfangs entstand daraus ein richtiger Sog, der sich leider mit der Zeit abgenutzt hat.
Irgendwann kommt die Geschichte nicht mehr so recht vom Fleck. Man begleitet Nathan durch die Hinterlassenschaften seines Vaters, verbringt Zeit mit Isaac sowie seinen Magenbeschwerden und taucht immer wieder in das Manuskript des Midnight King ein. Zuerst war es faszinierend, dann plätscherte es eher vor sich hin.
Ungefähr in der Mitte kommt ein ziemlich arger Cut. Der zieht sich quer durch die bisherigen Perspektiven und hat mich tatsächlich kalt erwischt. Plötzlich war ich wieder hellwach. Ashkanani hatte mich offenbar lange genug eingecheckt und eingewickelt, um mir im richtigen Augenblick den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ich dachte, jetzt kommen wir in Fahrt und es geht ans Eingemachte.
Jedoch verfällt die Geschichte nach diesem Schnitt wieder in alte Muster und dümpelt weiter, bevor sie sich in immer neuen Entwicklungen verliert. Irgendwann war es mir schlicht zu viel. Zu viele Figuren, zu viele Wendungen, zu viel Serienkiller, zu viel gewollt.
Dabei mangelt es dem Autor überhaupt nicht an Ideen. Eher im Gegenteil. Ashkanani bedient sich verschiedener Elemente der klassischen Serienkiller-Thematik, verarbeitet manches Klischee und versucht daraus etwas Eigenes zu erschaffen. Nur hat mich irgendwann die Masse erschlagen.
Vielleicht wäre weniger tatsächlich mehr gewesen. Die Ausgangslage rund um Nathan, seinen Vater und dessen Manuskript fand ich aufregend genug, um einen ganzen Thriller zu tragen. Auch der gewaltige Schnitt in der Mitte war genial genug, um von dort aus eine etwas klassischere Serienkiller-Geschichte zu erzählen. Stattdessen kamen weitere Einschnitte hinzu.
Den düsteren Erzählstil fand ich großartig. Sehr gefallen hat mir, dass Ashkanani keine klassischen Helden präsentiert. Die Figuren sind beschädigt, treffen falsche Entscheidungen und scheitern oftmals nicht an irgendeinem übermächtigen Gegner, sondern schlicht an sich selbst. Das gibt dem Roman eine unangenehme Grundstimmung, die konsequent durchgehalten wird.
Trotzdem rate ich Interessierten, sich selbst ein Bild zu machen. Denn unter all dem, was mir irgendwann zu viel geworden ist, steckt ein ungewöhnlicher, düsterer und spannender Ansatz. Tariq Ashkanani verfolgt einen eigenen Stil und bewegt sich abseits des Standard-Thrillers. Das macht mich durchaus neugierig auf weitere Bücher des Autors.
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