Montag, 13. Juni 2022

Rezension: Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte
© Diogenes
Junge mit schwarzem Hahn
| Stefanie vor Schulte |

Verlag: Diogenes 2021
Seiten: 224 
ISBN: 9783257071665

MEINE BEWERTUNG 

 - ★
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Märchenhafte Geschichte

Martin ist elf und hat nichts außer seinen treuen Freund und Beschützen: einen schwarzen Hahn. Von dem ungewöhnlichen irritiert, meiden ihn die Menschen, anstatt sich seiner anzunehmen. Aber dann begegnet Martin einen Maler, der ihn anerkennt und mit ihm die grausame Welt hinauszieht.

„Junge mit schwarzem Hahn“ ist ein ungewöhnlicher, ergreifender und tiefgründiger Roman, der mit der Grausamkeit eines Märchens eine verzückende Geschichte erzählt.

Weder der Klappentext noch das Cover haben bei diesem Buch mein Interesse geweckt. Vielmehr waren es die begeisterten Stimmen und Meinungen dazu, die mit beinah andächtigem Ton von diesem Werk berichten. Deshalb musste ich mir selbst ein Bild von der Geschichte von Martin und seinem schwarzen Hahn machen, und ich stelle fest, dass die Begeisterungsstürme vollkommen berechtigt sind. 

Der Roman spielt irgendwann in einem europäischen Land. Über den historischen Kontext kann ich nur Mutmaßungen anstellen. Es wirkt eher mittelalterlich auf mich oder könnte im Rahmen des Dreißigjährigen Kriegs sein. Relativ sicher bin ich mir, dass das Umfeld deutsch oder zumindest germanisch ist. Viele Sitten lassen auf die hiesige Kultur schließen. Demzufolge habe ich für mich beschlossen, dass die Handlung im deutschen Sprachraum angesiedelt ist.

Die Geschichte handelt vom kleinen Martin. Dieser ist hochintelligent und lässt sich nicht beirren. Obwohl er auf sich allein gestellt ist, hat er zumindest in seinem schwarzen Hahn einen Freund. Die Erwachsenen gehen ihm aus dem Weg, nehmen ihn nicht ernst und denken teilweise, dass der Junge zurückgeblieben ist. Er vagabundiert statt einen Platz in der Gemeinschaft zu finden und wird für dreckige und schwere Arbeiten für ein paar Krumen Brot allgemein ausgenutzt.

Beim Lesen war ich von diesem Verhalten entsetzt. Nach und nach kommen die Gründe dafür hervor, welche den Umstand aber nicht weniger grausam machen. Am liebsten hätte ich mich vor Martin gestellt und ihn vor der Dorfgemeinschaft beschützt. 

Dies ändert sich, als Martin auf einen Maler trifft, der im Dorf einen Auftrag erfüllt. Der Maler erkennt, was Martin ist: Ein gescheiter Junge mit einem goldenen Herz, welcher ihm für seine Anerkennung Warmherzigkeit schenkt.

Und so ziehen diese beiden - oder eher drei, weil der Hahn ist natürlich dabei - in die grausame Welt hinaus, wo sie in märchenhafter Manier lehrreiche Abenteuer bestehen und dem:der Leser:in das Herz stehlen.

„Eines Tages wirst du wissen, wie alles ausgegangen sein wird. Eines Tages magst du Alpträume haben, denn alles wird entsetzlich gewesen sein. Aber du wirst auch erzählen können, wie einfach es gewesen sein wird.“ (S. 115)

Die Geschichte von Martin und dem schwarzen Hahn ist ergreifend und wühlt die Seele auf. Dunkelheit und Brutalität legen sich über die Menschen und das Land, was zu Verschlagenheit, Ignoranz und Ellbogeneinsatz führt. Gleichzeitig erlebt man wohlwollende Gesten, liest goldene Gedanken und merkt, dass das Gute am Ende doch über das Böse siegt. 

Stil und Sprache sind gewöhnungsbedürftig. Auf mich wirkte beides eher antiquiert, in kurzen Sätzen und Passagen erzählt, wie ein Märchen in alten Worten verfasst. Nichtsdestotrotz hatte ich mich rasch darauf eingestellt und bin der Meinung, dass dadurch die Besonderheit des Romans erst zur Geltung kommt. 

Am Ende angelangt, war ich vom Jungen mit dem schwarzen Hahn bezaubert, weil mir dieses Werk die Seele gestreichelt hat. Ich empfehle es an Leser und Leserinnen, die sich im Charme einer originellen Geschichte in märchenhafter Ausstattung verlieren und davon berühren lassen möchten.
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MEINE BEWERTUNG
★★★★★

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4 Kommentare:

  1. Liebe Nicole,

    ich stimme dir in so vielem zu, was in deiner Rezi steht - und trotzdem habe ich den Zauber beim Hörbuch nicht gespürt. Mir hat dieser Stil gar nicht gefallen, vielleicht weil ich die ganze Zeit das Gefühl einer Parabel hatte? Ich weiß es nicht. Mich freut aber, dass dich das Buch so begeistert hat!

    Du weißt bestimmt, dass es ein neues Buch der Autorin gibt, oder?

    LG Sabine

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    1. Hallo Sabine,

      vielleicht liegt es hier wirklich am Medium? Als Hörbuch hätte ich es mir gar nicht vorstellen können.

      Nein, das mit dem neuen Buch wusste ich noch nicht. Da muss ich gleich einmal stöbern.

      Liebe Grüße
      Nicole

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  2. Hi Nicole!

    Es freut mich wirklich sehr, dass dir das Buch genauso gut gefallen hat wie mir :) Ich kann alles unterschreiben was du sagst - nur beim Schreibstil, da war ich sofort drin. Ich fand den von Anfang an sehr außergewöhnlich und genial!
    Schade dass Sabine nicht reinkam - allerdings finde ich auch, dass ein Hörbuch eben manchmal doch anders wahrgenommen wird, als wenn man es selber liest.

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hallo Aleshanee,

      beim Schreibstil habe ich wirklich ein paar Seiten gebraucht. Als ich dann drin war, war es wunderbar.

      Ja, ich glaube auch, dass dieses Buch als Hörbuch nicht so gut funktioniert. Ich mag Hörbücher zwar auch sehr gern, aber bei manchen Büchern habe ich im Gespür, dass sie mir als Print besser gefallen.

      Liebe Grüße
      Nicole

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