Freitag, 26. Februar 2021

Rezension: Eines Menschen Flügel - Andreas Eschbach

Eines Menschen Flügel - Andreas Eschbach
© Lübbe Audio
Eines Menschen Flügel
| Andreas Eschbach |

Verlag: Lübbe Audio 2020
Dauer: 41 h : 54 min 
ASIN: B08GM93QL2
Sprecher: Matthias Koeberlin

MEINE BEWERTUNG

 
★★★★- 



Himmlischer Epos

Einmal in einer fernen Zukunft auf einem paradiesischen Planeten sind die Menschen engelsgleich. Sie sind gentechnisch verändert, sodass ihnen dank ihrer Flügel der Himmel gehört. Aber die Sterne haben sie bisher nie gesehen und am Boden lauert der Tod.

„Eines Menschen Flügel“ ist ein epischer Roman von Andreas Eschbach, der seine Vision des Menschseins in den Himmel hebt.

Auf diesem paradiesischen Planeten herrscht Eintracht. Insgesamt gibt es 34 Stämme, welche ihre Flügel schwingen. Denn die Menschen scheuen den Boden, weil sich darin der Tod verbirgt. Die Stämme leben in Nestern, die in riesigen Baumkronen zu finden sind. Nur die Nestlosen ziehen in melancholischer Traurigkeit umher, weil es sie ständig an neue Orte treibt. Obwohl die Menschen so gut wie im Himmel leben, haben sie nie die Sterne gesehen. 

Als mir das Buch aufgefallen ist, war ich skeptisch. Meinem Geschmack nach hat es mir zu sehr nach Fantasy geklungen und Andreas Eschbach als Autor liegt mir nur bedingt. Außerdem dürfen für mich fiktionale Welten nicht zu stark in der Phantastik beheimatet sein, weil ich greifbaren Bezug zur Realität brauche, damit mich die Geschichte unterhält.

Trotzdem haben mich etliche beeindruckte Leser mit ihren jubelnden Rezensionen neugierig gemacht, sodass ich die Welt der engelsgleichen Menschen kennenlernen wollte.

Dieser magische Planet mit seinen Stämmen hat mich sofort fasziniert. Eschbach hat eine Art geflügeltes Naturvolk geschaffen, das im völligen Einklang mit der Umwelt lebt. Hierbei geht der Autor liebevoll und detailliert auf die Besonderheiten der Wesen, der Stämme und das interessante Regelwerk dieser Kultur ein. Mich hat es teilweise an den Film „Avatar“ erinnert, dabei sind die blauen Wesen durch fliegende Menschen ersetzt.

Kein Mensch hat bisher einen einzigen Stern gesehen. Zwar ist ihnen bewusst, dass sich verborgen im Himmel strahlendes Licht verbirgt, sie aber kennen es nur aus Erzählungen, die ihnen die Schöpfer von einst hinterließen. Diese Ahnen haben neben zahlreichen Geschichten strenge Gebote hinterlassen, welche die Menschen vor sich selbst schützen.

Diese Regeln und Gebote sind aus unseren Fehlern entstanden. Eschbach verpackt die Probleme der Gegenwartsgesellschaft darin. Er thematisiert zum Beispiel die Gier, die letztendlich zu Umweltverschmutzung und somit zum Untergang der Menschen führt, oder Macht, die auf Unterdrückung anderer basiert und dadurch die menschliche Würde attackiert. 

Gewiss liegt es in der Natur des Menschen, neugierig zu sein. Grenzen sowie Regeln dienen dazu, überwunden zu werden. Und diese Neugier treibt Owen, den besten Flieger aller Zeiten, dazu, nach den Sternen zu greifen. Als ihm sein Vorhaben gelingt, läutet er eine neue Ära ein, die das Ende der paradiesischen Existenz bedeutet kann. 

Eschbach beschränkt seine Erzählung nicht auf einen Protagonisten, sondern offenbart dem Leser ausführlich diese Welt über Generationen hinweg. Der spezielle Stil hat mich teilweise an Ken Folletts Jahrhundert-Trilogie erinnert, die ebenfalls vielfältige Stränge zu einem Epos spinnt. 

Kapitelweise taucht der Leser in unterschiedliche Perspektiven ein, lernt Väter, Mütter, Frauen, Männer, Söhne, Töchter und zukünftige Familienmitglieder kennen. Dabei erlebt man süße Liebesgeschichten und böse Eifersuchtsdramen, ist einerseits auf der familiären und persönlichen Ebene unterwegs und versinkt im nächsten Abschnitt in geheimnisvolle Intrigen, die sich zu einem abenteuerlichen Erlebnis vereinen.

Den Erzählstil fand ich sehr gelungen, weil sich dadurch diese Welt in ihren facettenreichen Einzelheiten offenbart. Mit Liebe zum Detail präsentiert der Autor seine Vision der Menschheit wie sie vielleicht besser als unsere ist. 

Ich fand es fesselnd, aufregend und war oftmals erstaunt. Trotzdem war für mich stellenweise die Luft raus und die Spannung ist mir in Nebensächlichkeiten abhandengekommen. Manche persönlichen Dramen hielten mich zu sehr von der leitenden Handlung ab, was etwas Geduld abverlangt. Gleichzeitig habe ich mir mit der Überzahl an Figuren manchmal schwergetan, weil Namen wie Oris, Meoris, Ifnigris oder Meolaparis genau wie Owen, Hekwen, Satwen oder Jiuwen für mich kaum unterscheidbar sind.

Trotz meiner - in Anbetracht des voluminösen Werks - winzigen Kritik, hat es mir ausgezeichnet gefallen. Denn ich wurde mit einer epischen Geschichte belohnt, die sich mit fantastischen Menschen, mitreißenden Abenteuern, dem Grauen des Bodens und dem Geheimnis des Himmels auseinandersetzt und insgesamt zu beflügeln weiß. 

Meiner Meinung nach wird „Eines Menschen Flügel“ garantiert viele weitere Leser in den Himmel heben. 
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MEINE BEWERTUNG
★★★★

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Kommentare:

  1. Liebe Nicole,
    genaus dieselben Bedenken, wie du sie hattest, habe ich auch. Immer wieder sehe ich mir das Buch an, aber es schrecken mich schon mal die vielen Seiten ab und dann der Inhalt, von dem ich befürchte,dass er für mich zu Fantasylastig ist.
    Vielleciht solte ich endlich NSA befreien,das auf dem SuB dümpelt, aber eine ähnliche Dicke hat....
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Die einzige "Fantasy" Kompontene ist eigentlich, dass diese Menschen Flügel haben. Alles andere ist eine Gesellschaftsphilosophie, die auf verschiedenste Weise beleuchtet wird. Ich war so fasziniert und bewegt, ich kanns immer wieder nur ans Herz legen <3

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    2. Hallo Martina,

      eigentlich ist es gar nicht so arg in Richtung Fantasy. Fantasy bildet eher die Grundlage, daher würde ich es sogar eher in Richtung Science Fiction mit Naturvolk-Touch schieben.

      Die Geschichte selbst ist wirklich, wirklich toll. Wie Aleshanee schon schreibt, ist Gesellschaftskritik im Vordergrund, und das ist schon sehr schön umgesetzt. Vom Erzählstil her hat es mich stark an Ken Follett erinnern - im positiven Sinn!

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Hallo Nicole,
    ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Buch als gedruckte Version etwas bekömmlicher ist, da komplexe Bücher mMn den Hörer immer ein wenig herausfordern. Ich selbst war gleichfalls von den vielen Ideen und den Fokus auf die gesellschaftlichen Konflikte begeistert und kann es gleichfalls nur empfehlen.

    Viele Grüße
    Frank

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    1. Hallo Frank,

      ich weiß nicht, ob ich es wirklich als Herausforderung bezeichnen würde. Die Geschichte ist komplex, aber aufgrund der langsamen Erzählart konnte ich in der Hörversion gut folgen. Mir wurde es fast zu langsam erzählt und ich glaube, daran hätte das gedruckte Wort auch nichts geändert. Aber diese Kritik ist wirklich klitzeklein, weil es mir sehr gut gefallen hat. Nur für 5 Sterne hat es nicht ganz gereicht. Empfehlenswert ist es auf jeden Fall.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  3. Hallo liebe Nicole

    Bei diesem Buch bin ich auch immer skeptisch, ich bin mir nicht sicher, ob es mir zusagen würde... Aber vielleicht blättere ich in der Buchhandlung einfach mal hinein oder lese mir eine Leseprobe durch.

    Ganz liebe Grüsse
    Livia

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    1. Hallo Livia,

      hätte ich nicht die vielen begeisterten Rezensionen dazu gelesen, dann hätte ich mich nicht drüber getraut. Im Endeffekt hat es mir aber sehr gut gefallen. Man muss halt in Epos-Laune sein, wenn man sich drauf einlässt.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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