Freitag, 6. Dezember 2019

Rezension: Vier Jahre - Carin Gerhardsen

© Random House
Vier Jahre
| Carin Gerhardsen |

Verlag: Heyne Verlag 2019
Seiten: 400 
ISBN: 9783453439924

MEINE BEWERTUNG 

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Merkwürdiger Thriller mit rätselhaftem Überraschungsanteil

Im Winter 2014 liegt Gotland unter einer dicken Schneedecke, während ein heimliches Liebespaar gemeinsam die Mittagspause verbringt, eine Frau zu einem Fremden in den Wagen steigt, und ein Mann nie wieder heimkehren wird. Die Ereignisse dieses Tages werden regelrecht eingeschneit, bis vier Jahre später die Folgen zum Vorschein kommen.

„Vier Jahre“ ist ein rätselhafter Thriller, der im verschneiten Schweden angesiedelt ist. Obwohl die Grundidee im schwedischen Gewand Spannung verspricht, ist meiner Meinung nach die Umsetzung nur mäßig gelungen. 

Ausgangslage des Romans ist ein Autounfall im Jahr 2014. Diesen ersten Part hat Autorin Carin Gerhardsen hervorragend umgesetzt. Sachte kommt man als Leser in den unterschiedlichen Perspektiven an. Da ist das heimliche Liebespaar, dass sich gemeinsam in die Mittagspause stiehlt, die junge Frau, die während des Schneegestöbers verzweifelt nach einem Taxi ruft, der fremde Mann, der keine Lust auf einen Nachmittag im Büro hat, und ein brutaler Zusammenprall, der sämtliche genannten Leben aus den Fugen wirft. 


An dieser Stelle spürt man die Schneeflocken, wie sie kalt, gleichzeitig sanft und beißend ins Gesicht wehen, die Kälte dringt durch die Seiten, und obwohl man eine Ahnung hat, hält man die Luft vor Spannung an. 


Nach diesem ersten Teil springt man ins Jahr 2018. Vier Jahre später trifft man auf die damals Beteiligten, und vermutet, dass die Geschichte nicht zu Ende ist. 


Es ist schwierig, auf die einzelnen Figuren einzugehen, ohne zu viel von der Handlung zu verraten. Daher halte ich meine Beschreibung möglichst allgemein. 


Sandra lebt eher zurückgezogen, und ich habe sie als graue Maus empfunden. Der Schicksalstag von 2014 hat ihr weiteres Leben enorm geprägt, woraus die treibende Kraft für den Verlauf von 2018 wird. Leider hat mich Sandra in ihrem Verhalten am wenigsten überzeugt. Obwohl sie Angst vor ihrem eigenen Schatten hat und als Husch-Mäuschen dargestellt wird, tritt sie im Lauf der Handlung extrem forsch sowie fordernd auf, was gefühlsmäßig kein stimmiges Bild ergibt.


Jeanette war 2014 verliebt und diese Liebe hat sie vier Jahre später nicht losgelassen. Sie schwelgt im Selbstmitleid, ist auf ihre Weise abgehoben, und hat sich eine ordentliche Misere eingebrockt. In ihr habe ich den einzigen glaubwürdigen Charakter der gesamten Handlung entdeckt. Meiner Meinung nach ist ihre Entwicklung nachvollziehbar, ihre selbstbezogene Art und ihr Verhalten wirken logisch auf mich, und die Konsequenzen von 2014 ergeben von vornherein Sinn.


Der fremde Mann ist vom ersten Augenblick an unsympathisch und wird vom geneigten Leser sofort als das schwarze Schaf der Handlung identifiziert. Hier gibt es kaum Raum für Empathie, Verständnis seiner Entwicklung oder einen Einblick in die Figur. Meinem Gefühl nach ist er ein seelenloser Platzhalter, der dazu dient, die Ereignisse von 2014 zusammenzuhalten. 


Keiner der genannten Charaktere ist ein Sympathieträger, was mir insgesamt recht gut gefällt. Ich mag es, wenn ich in Büchern interessante Figuren kennenlerne, sie durch eine spannende Handlung begleite, und damit die Welt durch eine andere Perspektive sehe. Das war für mich - neben dem fesselnden Eingangsteil - der größte Pluspunkt an diesem Roman.


Carin Gerhardsen hat sich zu einem distanzierten Erzählstil entschlossen, der das Wesen der Handlung und die Betrachtung der Charaktere prägt. Die Autorin lässt keine Nähe zu den Figuren zu, weil es ständig zu merkwürdigen Wendungen kommt. Sobald man meint, das Rätsel durchschaut zu haben, erscheint das nächste Puzzleteil aus dem Nichts, und die Beteiligten werden in ein neues Licht gerückt. Das mag zwar in gewissem Maß funktionieren, hingegen nicht, wenn es zur Regel der gesamten Handlung wird. Es wirkt unbeholfen, manchmal verstörend und insgesamt abstrus. Mir ist bewusst, dass die Überraschungen für Spannung und einen gewissen Wow-Effekt sorgen sollten, bei mir hat das nicht gewirkt.


Im Endeffekt geht der starke Anfang in einem lauwarmen Mittelteil über, und zum Ende hin, dreht sich ein kurioses Überraschungskarussell. 


Insgesamt hat mich „Vier Jahre“ wenig überzeugt, obwohl es durchaus interessant zu lesen war. Ich mag die Grundidee, wie das Leben dieser Personen ineinandergreift, wie ihre Entwicklung zusammenhängt, und vier Jahre später die Konsequenzen zum Vorschein kommen. Die Umsetzung mit den - teilweise - absurden Überraschungsmomenten, dem distanzierten Stil und der Oberflächlichkeit der Figuren hat mir dagegen nicht gefallen. 

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MEINE BEWERTUNG


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Kommentare:

  1. Huhu!

    Ich kann dir zustimme, unsympathische Protas mag ich auch :D Besonders in diesem Genre. Mit dem Titel habe ich schon geliebäugelt, war aber unsicher, da Thriller und ich nur so semi Freunde aktuell sind ... Deine Eindrücke bestätigen meine Zweifel und so wird das Buch nicht bei mir einziehen!

    Hab einen mukkeligen Nikolaustag!

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    1. Hallo :)

      Ja, bei mir müssen die Figuren keine Sympathieträger sein, das ist schon ok. Dennoch versäumst du hier wohl nichts, obwohl es für zwischendurch ganz ok ist.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Hallo Nicole,
    bei mir ist es verschieden...manche unsympathische Protaginisten mag ich, manche aber nicht.
    Hier hatte ich mir allerdings etwas mehr erwartet und nun wird das Buch von meinem Wunschzettel fliegen.
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Hallo Martina,

      naja, wenn die Protagonisten richtig enervierend sind, muss ich sie auch nicht haben. Hier lag es eher an den merkwürdigen Kaninchen-aus-dem-Hut-Effekt, dass mich die Autorin nicht abholen konnte. Obwohl das bestimmt für viele Leser auch etwas hat.

      Meiner Meinung nach hast du nichts versäumt, wenn du in dem Fall verzichtest. Es ist eher was für zwischendurch.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  3. `Eher etwas für zwischendurch´ - da fallen mir andere Bücher für ein.
    Ich habe mich jetzt sogar dabei erwischt, dass ich die Rezension nicht
    in Gänze gelesen habe. Da sprang mich einfach nichts an und dass es dir
    so erging, liest sich aus deinen Zeilen heraus.

    Sympathieträger und mit den Figuren einer Story zu sein, unterscheidet
    sich für mich. Auch ich schließe nicht alles Figuren, die ich begleite,
    ins Herz oder fiebere mit ihnen mit. Aber ich muss das Gefühl haben, bei
    ihnen zu sein, damit das Geschehen überhaupt wirken kann.

    Ich gehe mir mal ein anderen Buch für zwischendurch suchen. :D

    Liebst, Hibi

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    1. Stimmt genau. :D Für zwischendurch gibt's ganz andere Bücher. ;)

      Es gibt halt auch Leser, die diesen merkwürdigen Rätselkram mögen, und handwerklich ist es auf jeden Fall gut umgesetzt. Für mich war's nicht berauschend, aber es war jetzt nicht so, dass ich es nicht gern gelesen hätte. Also, ein eher merkwürdiges Leseerlebnis.

      Glaube mir, beim Schreiben dieser Rezension ist es mir so wie dir beim Lesen ergangen. War ganz schön kniffelig. XD

      Liebe Grüße,
      Nicole



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