Mittwoch, 28. Januar 2026

Rezension: Der Klang von Licht - Clara Maria Bagus

Der Klang von Licht - Clara Maria Bagus
© Piper
Der Klang von Licht
| Clara Maria Bagus |

Verlag: Piper 2024

Seiten: 288
ISBN: 978-3492320887

MEINE BEWERTUNG 
- ★★★
 - 



Menschen, Krisen, Verschwinden und Finden.
 
Eine Erzählung über die Kraft der menschlichen Begegnung, die den Sinn hinter den flüchtigen Momenten des Lebens offenbart. 

„Der Klang von Licht: Vom Verschwinden und sich finden“ von Clara Maria Bagus ist ein Roman, zu dem ich aus eigener Wahl vermutlich nie gegriffen hätte. Ich habe das Buch geschenkt bekommen. Normalerweise bewege ich mich in ganz anderen Genres, weshalb meine Erwartungen eher vorsichtig waren. Dieses Buch war für mich jedenfalls eine Erfahrung abseits meiner gewohnten Pfade.

Die Geschichte erzählt von Menschen, die sich aus dem Leben zurückziehen, aus ganz unterschiedlichen Gründen und auf sehr unterschiedliche Weise. Ihre Wege kreuzen sich, ohne dass sie es wissen, und fügen sich nach und nach zu einem größeren Ganzen zusammen. Schnell wird klar, dass es weniger um die äußere Handlung geht , sondern mehr um innere Brüche und die Suche nach Halt in einer Welt, die sich fremd anfühlt.

Clara Maria Bagus arbeitet mit mehreren Perspektiven und begleitet Frauen und Männer, deren Leben auf sehr unterschiedliche Weise aus dem Gleichgewicht geraten ist. Was sie verbindet, ist ein tief sitzendes Gefühl von Verlorenheit. Begegnungen bleiben beiläufig und Entscheidungen scheinen zunächst isoliert. Doch bald greift alles ineinander. Ich mochte, wie fein diese Verbindungen eingangs gesponnen wurden, obwohl sie sich nach einiger Zeit schon sehr deutlich abzeichneten.

Der Roman wird stark von seiner Sprache getragen. Der Erzählstil ist weich, pathetisch und gefühlvoll. Für mich fühlte sich das Lesen lange an wie ein warmes Vollbad, wie eine wärmende Decke, in die ich mich eingekuschelt habe.  Gedanken und Empfindungen bekommen viel Raum, während das Geschehen im Hintergrund bleibt. Das hat mich anfangs mühelos durch die Seiten getragen.

Ab der zweiten Hälfte konnte ich mich diesem Sog nicht mehr vollständig hingeben. Der Ton bleibt sehr gleichförmig, vieles wirkt vorhersehbar, und die sprachliche Sanftheit begann mich eher zu dämpfen als mitzunehmen. Ich war weiterhin gern in der Geschichte, aber nicht mehr mit derselben Aufmerksamkeit. 

Grundsätzlich erzählt „Der Klang von Licht“ vom Verschwinden, nicht als Flucht, sondern als Konsequenz. Erst wer gezwungen wird, aus dem eigenen Leben herauszufallen, bekommt die Möglichkeit, sich selbst neu zu begegnen. Hinzu kommt die Frage nach Zugehörigkeit. Die Figuren tragen Einsamkeit in sich, unabhängig davon, wie erfolgreich oder angepasst ihr Leben wirkt. Die Vorstellung, dass jeder Mensch zu jemandem gehört, auch wenn er sich lange allein fühlt, ist tröstlich und schmerzhaft zugleich.

Ausgezeichnet gefallen hat mir die Entwicklung der Figuren. Jean-Pierre, der junge Arzt, erlebt einen Bruch in seinem bislang makellosen Selbstbild. Der erfolgsorientierte Überflieger gerät ins Wanken, versinkt in Scham und Selbstmitleid und beginnt erst über Umwege, sich selbst infrage zu stellen. Sein Wandel geschieht nicht durch große Ereignisse, sondern durch den Blick auf andere. Das fand ich sehr stimmig und berührend.

Auch die beiden Frauen bewegen sich durch innere Umbrüche. Die eine hat sich so sehr aus dem Leben zurückgezogen, dass sie nur noch daneben steht. Bücher werden zum Schutzraum, die Welt bleibt draußen. Erst ihr Verschwinden öffnet einen Weg zurück zu sich selbst. Die andere steht an einem Punkt, an dem kaum noch etwas möglich scheint. Ihr Beinahe-Verschwinden wird zum Wendepunkt, weil jemand hinsieht und eingreift. Veränderung entsteht hier nicht aus eigener Kraft, sondern durch die äußeren Umstände.

Der Tod erhält ebenfalls eine eigene Stimme. Diese Passagen erinnerten mich an „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak, bleiben hier jedoch zurückhaltender. Der Tod wirkt feinfühlig und freundlich, bleibt aber eine Randfigur. Für mich hätte es ihn nicht zwingend gebraucht, zumindest nicht in dieser Form. Entweder hätte man ihm einen stärkeren Platz im Erzählfluss gegeben oder ganz auf ihn verzichten können.

Zum Ende hin laufen die Schicksalslinien sehr deutlich zusammen. Grundsätzlich ist es gut gemacht, wirkte auf mich aber viel zu glatt und vorhersehbar. Das Motiv der Adoption wird besonders betont. Der Gedanke, dass Blut eine unausweichliche Verbindung schafft, ist schön, doch mir fehlte hier die Zurückhaltung. Dabei kippt die leise Melancholie, die den Roman lange trägt, stellenweise ins allzu Gefällige.

Ich habe „Der Klang von Licht“ gerne gelesen. Es ist ein ruhiges Buch mit einer sehr schönen Sprache, das mich eingelullt und lange begleitet hat. Die Geschichte ist nicht frei von Schwächen, gleicht diese aber mit Wärme, Menschlichkeit und fein gezeichneten Figuren aus. Für mich war es kein perfektes, aber ein besonderes Leseerlebnis.
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MEINE BEWERTUNG
★★★

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1 Kommentar:

  1. Liebe Nicole,

    mich freut, dass dir das Buch ut gefallen hat - für mich war es etwas schwächer, dafür aber hatte mich "Die Unvollkommenheit des Glücks" total gepackt. Da du die Sprache ja auch sehr mochtest - vielleicht ist das auch etwas für dich.

    LG Sabine

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