Sonntag, 1. Februar 2026

Rezension: Die Pionierin im ewigen Eis - Agnes Imhof

Die Pionierin im ewigen Eis - Agnes Imhof
© Piper
Die Pionierin im ewigen Eis
| Agnes Imhof |

Verlag: Piper 2023

Seiten: 336
ISBN: 978-3492062701 

MEINE BEWERTUNG 
- ★★★
 - 



Josephine Pearys Abenteuer in der Arktis
 
1891 wagt sich Josephine Peary als Begleitung ihres Manns Robert in die unberührte Arktis, um die wilde Natur Grönlands zu erkunden. Fernab der Zivilisation knüpft sie enge Bande zur Inuk Arnakittoq und dokumentiert ihre Beobachtungen in wissenschaftlich wertvollen Tagebüchern.

Schon der Einstieg hat vollkommen abgeholt. Agnes Imhof eröffnet ihre Romanbiografie mit einem Blick in die 1950er-Jahre, in denen Josephine Peary für ihre Forschung gewürdigt wird. Dieser Moment hat mir sofort Gänsehaut beschert. Eine gut 90-jährige Frau, die Jahrzehnte zuvor in einer völlig anderen Welt unterwegs war, steht plötzlich im Licht der Anerkennung. Von hier aus führt der Roman zurück an den Anfang.

Die Atmosphäre hat mich absolut begeistert. Man spürt förmlich, dass diese Geschichte in einer anderen Zeit verwurzelt ist. Nicht nur geografisch, sondern auch gesellschaftlich. Josephines Sehnsucht nach Freiheit, Weite und Bewegung steht in ausgeprägtem Gegensatz zum eingeengtem Leben, zum Korsett, das sie in den USA umgibt. Diese innere Spannung hat mich durch den gesamten Roman getragen.

Ihre erste Expedition in die Arktis liest sich wie ein echtes Abenteuer. Die Arktis ist kein romantisierter Sehnsuchtsort, sondern eine fremde, majestätische und zugleich gnadenlose Landschaft. Eindrucksvoll sind die Schilderungen der Überfahrt und des Ankommens im Eis. Alles wirkt mühsam, langsam und fragil. Als ob sich der Mensch jeden Schritt in diese Welt verdienen müsse.

Die Kargheit, der lange Winter und das Ausharren in einer Umgebung, die nichts verzeiht, fordern die Menschen heraus. Daneben steht das Leben der Inuit, die mit so wenig auskommen und dennoch eine innere Ordnung ausstrahlen. Ihre Lebensphilosophie wirkt klar, reduziert und näher am Wesentlichen. 

Josephines Begegnung mit den Inuit kann man wohl in drei Phasen beschreiben: Fremdheit, Annäherung und leises Umdenken. Dabei wird nichts beschönigt. Josephine bringt ihre eigene Prägung mit, ihre Maßstäbe, ihre inneren Bewertungen. Ihre Begegnungen mit den Inuit erzählen mindestens genauso viel über sie selbst wie über die fremde Kultur. Ihre Gedanken sind ehrlich, manchmal befremdet oder von Vorurteilen gefärbt, obwohl sie diese eigentlich ablehnt.

Ein großes Highlight ist die Inuk-Frau Arnakittoq für mich. Sie wirkt auf Josephine wie eine Königin der Arktis. Sie ist ruhig, souverän und voller innerer Stärke. In ihr spiegelt sich vieles von dem, was Josephine bewundert und vielleicht auch selbst sein möchte. Ihre Freundschaft gehört zu den schönsten Elementen der Geschichte. Besonders die gemeinsamen Erlebnisse ihre scharfen Dialoge und die Nähe zur Natur haben sich mir eingeprägt. Ich habe diese Szenen beim Lesen förmlich gespürt.

Überhaupt zeichnet der Roman ein vielschichtiges Bild von Weiblichkeit. Verschiedene Rollenbilder, kulturelle Unterschiede und gesellschaftliche Grenzen sind sichtbar, ohne bewertet zu werden. Meiner Meinung nach verleiht diese Zurückhaltung dem Text Wirkung.

Auch Josephines Ehe wird zunehmend differenzierter gezeichnet. Eigenschaften ihres Mannes treten hervor, die ihr zuvor verborgen geblieben sind. Ehrgeiz, Besitzdenken und ein Streben nach Anerkennung wirken nicht immer sympathisch. Ihre Beziehung verändert sich merklich und nicht alles, was einst selbstverständlich schien, trägt noch.

Manche Ereignisse gehen einem nahe und hinterlassen ein schweres Gefühl, vor allem im Hinblick auf kulturelle Übergriffe und die Arroganz westlicher Expeditionen. Das regt zum Nachdenken an und ist ausgezeichnet in die Handlung eingearbeitet. 

Der letzte Teil wirkt ruhiger, fast wie ein Ausklang. Nicht alles wird ausführlich erzählt, manches wird angedeutet. Umso stärker bleibt das Bild einer Frau, die unglaublich viel erlebt hat und für sich einen Weg gefunden hat. Man merkt deutlich, dass die Autorin respektabel recherchiert hat und dass sie mit Wissenslücken bewusst umgegangen ist.

Ich bin jedenfalls restlos begeistert von dieser Romanbiografie. Mit Josephines Augen eine fremde Welt zu entdecken, hat mir große Freude gemacht. Das Buch hat mich nicht nur gedanklich in die Kälte Grönlands versetzt, sondern sogar emotional abgeholt. Vielleicht auch deshalb, weil ich beim Lesen selbst eisigen Wind im Gesicht gespürt habe und mir vorstellen konnte, wie unbarmherzig ein arktischer Winter ist. Josephine Peary, die erste westliche Frau, die in der Arktis überwinterte, hat mich tief beeindruckt. Sie war eine echte Pionierin, die viel gesehen und ertragen hat, und sich ihre Stellung in der Arktis-Forschung durch ihre Offenheit und Beharrlichkeit erarbeitet hat.
_______________
MEINE BEWERTUNG

Mehr über dieses Buch auf Amazon* erfahren:

*Affiliate-Link = Für mich fallen ein paar Cents ab, wenn du hier kaufst

Mehr dazu in der Datenschutzerklärung.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Mit Nutzung der Kommentarfunktion akzeptierst du die Speicherung deiner Daten. Mehr dazu in der Datenschutzerklärung