Als Kind hatte ich einen ziemlich einfachen Plan. Ich wollte eine riesige Bibliothek besitzen. So eine, bei der andere Lesebegeisterte ehrfürchtig vor den Regalen stehen bleiben und sich denken: „Wow.“
Also wurde gesammelt. Jugendbücher, Sachbücher, Krimis, Thriller. Einfach alles, was zwischen zwei Buchdeckel passte. Weggeben? Niemals! Ein Buch, das einmal bei mir eingezogen war, hatte seinen festen Platz gefunden. So einfach war das.
Auch bei zwei Umzügen stellte sich nie die Frage, ob die Bücher mitkommen. Natürlich kamen sie mit. Andere schleppten Möbel. Ich schleppte Bücherkisten.
Dass mein Mann ebenfalls ein absoluter Büchernerd ist, war vermutlich Schicksal. Er liest zwar völlig andere Genres als ich, aber den Traum von der eigenen Bibliothek teilten wir beide. Also schafften wir Regale an, nutzten freie Wände und füllten irgendwann jeden noch so kleinen Spalt. Und als kein Regal mehr Platz hatte? Nun ja, Bücher lassen sich erstaunlich kreativ stapeln.
Mit dem Blog wurde die Sache übrigens kein bisschen besser.
Rezensionsexemplare, Spontankäufe, Wühlkisten, Flohmarktfunde. Irgendwann stellte sich nicht mehr die Frage, was ich als Nächstes lese, sondern wo ich es überhaupt noch unterbringen soll.
Deshalb fing ich an, Bücher weiterzugeben. Zuerst ganz zaghaft. Ich tauschte sie, verschenkte sie oder gab sie für den guten Zweck ab. Manche durften natürlich bleiben, aber längst nicht mehr jedes gelesene Buch musste automatisch für immer einziehen. Mittlerweile entscheide ich mich meistens direkt nach dem Lesen. Manche bekommen sofort ihren festen Regalplatz zugewiesen, andere dürfen zu jemandem reisen, der sich genauso darüber freut wie ich damals. Und wieder andere setzen noch eine Weile Staub an, bis ich ihnen schließlich doch ein neues Zuhause vergönnt bin.
Trotzdem schienen sich die Bücher manchmal wie von selbst über Nacht zu vermehren. Dafür gibt es schlicht keine andere Erklärung.
Vor allem gab es da diese Bücher, von denen ich mich jahre- oder gar jahrzehntelang nicht trennen konnte. Nicht, weil ich sie noch einmal lesen wollte, sondern weil sie pure Erinnerung waren.
Als ich ein kleines Mädchen war, schenkte mir meine Oma ihre komplette Sissy-Reihe. Die Bücher standen zuvor viele Jahre in ihrem Regal, sie hat die Geschichten gerne gelesen und ich habe sie danach genauso verschlungen. Wenn ich die Reihe im Regal sah, dachte ich nie zuerst an Kaiserin Elisabeth, sondern immer an meine Oma.
Lange Zeit hatte ich das Gefühl, sie zu verraten, wenn ich diese Bücher weggebe. Als würde ich damit unsere gemeinsame Leidenschaft ein Stück weit aus meinem Leben streichen.
Dann kam die Erkenntnis. Erinnerungen wohnen nicht zwischen zwei Buchdeckeln.
Meine Oma bleibt ein Teil meiner Lesegeschichte, daran ändert kein Bücherregal der Welt etwas. Uns verbindet, dass wir beide diese Bücher gelesen haben und Freude damit hatten, und noch so vieles mehr. Damit war der richtige Zeitpunkt gekommen, um mich vom Anblick der Reihe zu verabschieden und sie weiterzuschicken, an einen Ort, an dem sie wieder gelesen und nicht nur abgestaubt wird.
Mit dieser Erkenntnis fiel plötzlich vieles leichter.
Vor ein paar Wochen haben wir begonnen, unseren Wohnbereich nach 15 Jahren zu renovieren und haben uns auch die Regale vorgenommen. Waren wir beim Aussortieren anfangs noch zögerlich, wurden wir mit dem neuen Gefühl plötzlich erstaunlich konsequent, und schließlich sogar ziemlich rigoros. Am Ende haben wir sicher 200 bis 300 Bücher weggegeben.
Denn mal Hand aufs Herz, ich brauche meinen Schulatlas nie wieder. Und mit dem Reiseführer von 2009 würde es ein Abenteuer-Urlaub werden. Oder dieses eine Buch, das mir eigentlich schon damals nicht so recht gefallen hat.
Das Verrückte daran ist, dass es sich für mich überhaupt nicht nach Verlust anfühlt.
In unseren Regalen stehen jetzt nur noch Bücher, die wir - aus welchen Gründen auch immer - feiern. Meine Stephen-King-Romane zum Beispiel sind unantastbar. Mittlerweile ist drumherum sogar eine ziemlich exquisite Horror-Sammlung entstanden, die gleich mehrere Meister des Genres im Regal vereint. Und jetzt wünsche ich mir eine Bibliothek, in der jedes Buch aus voller Überzeugung steht, egal ob es eine Lieblingsgeschichte, eine dunkle Bücherseele oder ein spannendes Leseabenteuer ist.
Mein erstauntes Fazit ist, dass sich weniger Bücher tatsächlich nach mehr anfühlen.
Mehr Freiheit.
Mehr Luft.
Mehr Horror ;)
Und irgendwie auch ein kleines bisschen mehr Zuhause.
Vielleicht bin ich gar keine Bücher- sondern eine „Richtig-gute-Geschichten“-Sammlerin. ;)
Zwar sind wir mit dem Umgestalten und Renovieren längst nicht fertig, aber ich zeige euch gerne einen kleinen Blick auf einen Teil der Regale:
Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht oder ist es bei euch ganz anders?
Hi Nicole,
AntwortenLöschenHut ab möchte ich da an allererster Stelle sagen.
200 bis 300 Bücher, krass. Ich weiß, nicht ob ich hier so viele Bücher zusammenbekommen würde, von denen ich mich trennen möchte. Ich muss auch sagen, zu zweit fällt sowas bestimmt nochmal leichter, weil jemand anderes zu dem Buch in der Hand nochmal was sagt, wie zB "brauchen wir das wirklich noch?". Mit Reiseführern gebe ich dir zum Beispiel recht, da habe ich aber gar nicht so viele. Wir besuchen ja meist die gleichen Inseln und gewinnen nach jeder Reise neue tolle Plätze in unserem eigenen Reiseführer im Kopf dazu :)
Dass du dann aktuell vermehrt mit dem Reader liest, erleichtert diese Entscheidung bestimmt auch noch. Ich sortiere ja 1x im Jahr, meist um Weihnachten mein SuB-Regal aus. Meine gelesenen Bücher beinahe 4x im Jahr, da habe ich quartalsweise einen anderen Blick drauf, welches Buch ich behalten möchte und welches ich auch hergeben kann/möchte, damit jemand anderes dieses Buch kennenlernt.
Wir haben seit 3 Monaten eine "wir suchen einen neuen Besitzer - Kiste" im Wartebereich unserer Praxis stehen. Da habe ich einige Bücher reingestellt und man glaubt nicht, fast jeder Patient nimmt ein Buch mit und mittlerweile fragen die Patienten schon, ob sie von zu Hause auch ihre Bücher dort reinstellen können :) Also, aussortieren scheint modern und okay zu sein.
LG Andrea
Guten Morgen, Nicole
AntwortenLöschenAussoriteren -- ganz schwieriges Thema. Auch ich würde kene 200 bus 300 Bücher zusammenbringen. Aber ja, auch ich habe mal aussortiert und genau wie Du den ein oder anderen reiseführer weggegeben. Oder Bücher wie die von Winnetou, die ich eigentlich nur behalten habe, weil sie "anktik" waren.
Da ist es mir auch nicht schwer gefallen. Aber ja, ich bin auch eine „Richtig-gute-Geschichten“-Sammlerin. ;)
Liebe Grüße
Anja
Huhu Nicole :)
AntwortenLöschenDanke für die spannenden Einblicke!
Ich bin tatsächlich gar nicht mehr der Sammler. Das war mal anders, aber aus Platzgründen musste ich mich dann irgendwann entscheiden und da sind viele Bücher ausgezogen. Mittlerweile lasse ich nur noch wenige Prints einziehen und vermehrt eher die digitalen Varianten (die nehmen ja keinen Platz weg^^).
Ich bin wohl final nicht so der Sammler, sondern einfach nur gerne ein Leser ;) und durch die Bibliothek habe ich ja trotzdem recht viele Prints in den Händen, aber sie wohnen eben nur zeitweise hier.
Lieben Gruß
Andrea