Als „Devil's Playground“ von Craig Russell damals unter Horrorliteratur angeführt wurde, war ich sofort interessiert. Ganz trifft diese Einordnung allerdings nicht zu. Horror ist vorhanden, aber in Form der Thematik und einiger ausgesprochen unheimlicher Elemente. Im Grunde ist dieses Buch eine faszinierende Mischung aus historischem Roman, Spannungsroman, ein bisschen Thriller und eben ein paar sehr feinen Spritzern Horror. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist es für mich ein wahres Meisterwerk. Ich war von der ersten bis zur letzten Seite absolut gebannt.
Die Rahmenhandlung spielt Ende der 1960er-Jahre. Der Filmhistoriker Paul Conway ist darauf spezialisiert, verschollene Werke in verstaubten Archiven oder vergammelten Privatsammlungen aufzuspüren. Sein neuester Auftrag ist die Suche nach dem Stummfilm „Devil's Playground“. Angeblich ist der Film längst vernichtet. Doch Paul Conway ist verdammt gut in dem, was er tut. Er findet einen Hinweis, der ihn in ein verlassenes, längst geschlossenes Hotel führt.
Die eigentliche Geschichte führt uns weg von diesem Ort und zurück ins Jahr 1927, und zwar in das Hollywood der Stummfilmzeit. Und damit hat mich der Autor vollkommen erwischt.
Ich fand es unglaublich spannend, in diese Welt einzutauchen. 1927 stehen die Stummfilme kurz vor ihrem Ende, denn der Ton hält Einzug in die Kinos. Für die Schauspieler:innen bedeutet das eine gewaltige Veränderung. Plötzlich reicht es nicht mehr, mit dem ganzen Körper zu spielen und Emotionen über Mimik und Gestik zu transportieren. Jetzt muss die Stimme funktionieren. Eine schlechte Aussprache, ein schwerer Akzent oder schlicht eine ungeeignete Stimme wird in Kürze die strahlendsten Sterne von Hollywoods Himmel holen.
In dieser Stimmung wird wunderbar deutlich, was für eine außergewöhnliche Leistung die großen Stars der Stummfilmzeit vollbracht haben. Dabei begegnen dem:der Leser:in historische Größen wie zum Beispiel Charlie Chaplin. Gefallen haben mir die Anekdoten, etwa über Buster Keaton und seine spektakulären Stunts. Diese hat er nicht nur selbst entwickelt, sondern tatsächlich selbst unter lebensgefährlichen Umständen gedreht. Die historischen Details wirken nicht wie trocken eingestreute Fakten, sondern der Autor lässt die längst vergangene Filmwelt regelrecht lebendig werden.
Und mittendrin steckt Mary Rourke.
Mary arbeitet für die PR-Abteilung einer Produktionsfirma und wird zu einer ihrer Schauspielerinnen gerufen. Norma Carlton wurde tot aufgefunden. Für das Studio ist das eine Katastrophe und ein Skandal bahnt sich an, weil es nach Selbstmord aussieht. Also läuft die PR-Maschinerie an und es wird möglichst schnell ein hübscheres, annehmbareres Drama daraus gesponnen. Immerhin sind wir in Hollywood, wo sogar das echte Leben nach Drehbuch verläuft.
Allerdings hat Norma bei „Devil's Playground“ mitgespielt. Um diesen Film rankt sich eine düstere Legende. Er soll verflucht sein und allen, die an seiner Entstehung beteiligt sind, den Tod bringen. Da das Studio Unsummen in das Projekt gesteckt hat, fürchtet es nun um den Erfolg. Deshalb soll Mary herausfinden, was tatsächlich passiert ist. Gleichzeitig soll sie alles dafür tun, damit die Wahrheit unter Verschluss bleibt.
Ich habe es geliebt, wie Craig Russell das alte Hollywood auferstehen lässt. Mary bewegt sich durch Flüsterkneipen, trifft Agenten und deren Schauspieler:innen, arbeitet mit einem Kommissar und versorgt die Öffentlichkeit mit ausreichend Klatsch und Tratsch, damit niemand auf die wirklich wichtigen Ereignisse aufmerksam wird.
Und je tiefer Mary in die Geschichte hineinrutscht, desto undurchsichtiger wird alles.
Es geht um Ruhm, Ehre, Liebe, Geld und Macht. Jeder verfolgt seine eigenen Interessen und ständig verändert sich das Bild. Hinzu kommen die vielen unheimlichen Aspekte rund um den berüchtigten Film und eine ganze Reihe von Menschen, denen man besser nicht vertrauen sollte.
Der Erzählstil hat mir ausgesprochen gut gefallen. Er ist spannend, charmant und unglaublich fesselnd. Russell schafft es, die Atmosphäre des alten Hollywoods einzufangen, ohne dabei in eine trockene historische Abhandlung abzurutschen. Vielmehr hatte ich beim Lesen ständig das Gefühl, mitten in dieser glamourösen und gleichzeitig ziemlich skrupellosen Welt zu stecken.
Und es gibt natürlich auch noch den Stummfilm „Devil's Playground“ selbst.
Die Legende um den Film zieht sich bis ins Jahr 1967, als Paul Conway nach ihm sucht. Seine Erkenntnisse sind mindestens genauso überraschend wie unheimlich. Dazu darf ich hier nicht zu viel verraten. Paul Conway wird jedenfalls feststellen, dass die Suche nach diesem Film ihre ganz eigenen Gefahren birgt. Welche das sind, muss man beim Lesen schon selbst erfahren.
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