Mittwoch, 1. April 2026

Rezension: The Warm Hands of Ghosts - Katherine Arden

The Warm Hands of Ghosts - Katherine Arden
© Festa
The Warm Hands of Ghosts
| Katherine Arden |

Verlag: Festa 2026

Seiten: 480
ISBN: 978-3986762698

MEINE BEWERTUNG 
- ★★★
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Wovor selbst der Teufel zurückschreckt
 
Erster Weltkrieg. Der Soldat Freddie wird mit einem Feind in einem Bunker verschüttet. Seine Schwester Laura erhält später die Uniform des Bruders und hält ihn für tot. Auf der Suche nach der Wahrheit reist sie nach Flandern und stößt auf Gerüchte über Geister, verruchte Orte und einen Mann, der die Erinnerungen an das Grauen auslöschen kann.

Manchmal reicht ein Titel, um mich sofort zu kriegen. „The Warm Hands of Ghosts“ von Katherine Arden ist so ein Fall gewesen. Zusammen mit dem Klappentext war ich eigentlich sofort verloren. Trotzdem hatte ich wegen des Covers kurz Bedenken, weil mir die Rosenranken zu lieblich erschienen waren. 

Wir befinden uns im Jahr 1917 und sind mitten im Ersten Weltkrieg. Freddie, ein kanadischer Soldat, kämpft an der Front in Belgien. Er gerät in einen eingestürzten Bunker, wo er gemeinsam mit einem verwundeten deutschen Soldaten ausharren muss. Eine Situation, die kaum auswegloser sein könnte und die den Ton für alles setzt, was noch kommt.

In einem zweiten Erzählstrang erhält seine Schwester Laura, eine hochdekorierte Krankenschwester, ein Paket mit Freddies Uniform. Für sie handelt es sich um ein klares Zeichen. Ihr Bruder ist gefallen. Doch dabei bleibt es nicht. Es häufen sich seltsame Hinweise, Dinge, die nicht zusammenpassen wollen. Deshalb macht sie sich selbst auf den Weg nach Flandern. Dorthin, wo der Krieg alles verschlingt, um herauszufinden, was wirklich geschehen ist.

Sie trifft nicht nur auf die teuflischen Grausamkeiten des Krieges, sondern auch auf Gerüchte über Geister, verfluchte Orte und einen Mann, der mehr kann, als er sollte.

Allein die Zeit um den Ersten Weltkrieg hat mich komplett abgeholt, weil diese viel zu selten thematisiert wird, obwohl sie in ihrer Grausamkeit kaum zu überbieten ist. Katherine Arden erzählt schonungslos, bewegend und im wahrsten Sinne des Wortes bildgewaltig, dass ich mehr als einmal das Gefühl hatte, mitten im Schlamm der Schützengräben zu stehen.

Freddies Kapitel haben mich regelrecht überrollt. Dieses Gefühl von Orientierungslosigkeit, von permanenter Angst, von Dreck, Lärm und Tod ist dermaßen intensiv beschrieben, dass ich beim Lesen stellenweise wirklich schlucken musste. Man läuft mit ihm durch zerfurchte Landschaften, hört das Dröhnen der Bomber, die Schreie der Verzweifelten und steckt bis zur Taille im Schlamm der einen wie der Krieg verschlucken will. Das ist nichts, was man einfach nur liest. Das ist etwas, das man spürt.

Auf der anderen Seite steht Laura. Ich habe selten eine Figur erlebt, die mich auf so drängende, tiefgehende Weise beeindruckt hat. Sie ist unerschütterlich. Trotz allem, was sie sieht, trotz allem, was sie aushalten muss, verrichtet sie stoisch ihre Aufgaben. Durch sie bekommt die Geschichte eine weitere Ebene. Die Verwundeten, die Verzweiflung, aber auch kleine, fast zerbrechliche Momente von Menschlichkeit. Das hat mich wirklich getroffen.

Die Einblicke in die Arbeit der Krankenschwestern fand ich unglaublich eindrucksvoll. Diese Details, diese Spuren, die der Krieg an ihnen hinterlässt. Körperlich wie seelisch. Das sind Szenen, die sich festsetzen und die ich so schnell nicht mehr loswerde.

Hinzu kommt ein reizvoller übernatürlicher Aspekt, der ebenso erschütternd ist wie das Kriegstreiben. Ich muss ehrlich sagen, dass ich anfangs etwas anderes erwartet habe. Vielleicht mehr klassischen Grusel. Mehr Geister im eigentlichen Sinne. Aber genau das ist es nicht. Und genau das macht es so gut. Irgendwann merkt man, dass der eigentliche Horror längst ein ganz anderer ist. Denn was hier wirklich erschreckt, ist der Krieg selbst. 

Ardens Idee, dass selbst der Teufel vor dem zurückschreckt, was Menschen einander antun, zieht sich wie ein dunkler Faden durch die Geschichte und hat mich nachhaltig beschäftigt. Es passt erschreckend gut zu dem, was hier gezeigt wird.

Ich habe dieses Buch nicht einfach gelesen. Ich habe es durchlebt. Es gab kaum eine Seite, auf der ich nicht völlig drin war. Immer wieder musste ich innehalten, nachdenken, Dinge nachschlagen, weil mich das Geschehen so sehr beschäftigt hat.

„The Warm Hands of Ghosts“ ist ein absolutes Highlight für mich. Es ist eine eindringliche Geschichte, die den wahren Horror des Krieges spürbar macht und lange nachwirkt.  Ein Buch, das unter die Haut geht und dort bleibt, und ein literarisches Gedenken an eine Generation von helfenden Händen in den Lazaretten des Ersten Weltkriegs ist. Empfehlung.

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MEINE BEWERTUNG

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