Ein uraltes Wrack mitten auf einem brachliegenden Tulpenfeld? Das klingt schon einmal nach einer ziemlich guten Ausgangslage für einen Horror-Roman. Als Emma Reich neugierig in den Kahn hineinklettert und anschließend spurlos verschwindet, ist schnell klar, dass mit der "Orakel" etwas ganz und gar nicht stimmt.
Ich mag Thomas Olde Heuvelt sehr gern. Seine Bücher empfinde ich als ganz besondere Komposition. Sie lesen sich locker und beinahe mühelos, während zwischen den Seiten etwas Dunkles lauert. Zwar zeigt "Orakel" diesen großartigen Erzählfluss, trotzdem konnte es mich nicht ganz so wie "Hex" oder "November" vereinnahmen.
Es beginnt jedenfalls an einem nebligen Morgen in den Niederlanden. Luca und Emma entdecken auf dem Weg zur Schule ein Schiff, das dort nicht sein dürfte. Augenscheinlich entstammt es einer längst vergangenen Zeit. Richtig merkwürdig ist, dass Menschen, die in die Luke klettern, einfach verschwinden. Es ertönt eine Glocke und dann ist nichts mehr zu hören.
Mit diesem Anfang verströmte der Roman genau diesen schönen, schaurigen Reiz. Ein geheimnisvolles Wrack liegt plötzlich mitten in der Landschaft und Menschen verschwinden darin. Das hätte ich sehr gerne länger ausgekostet. Besonders, weil man nicht weiß, was in der "Orakel" passiert. Es dauert lange, bis das Geheimnis gelüftet wird.
Immer wenn ich dachte, jetzt könnte ich langsam verstehen, worauf die Geschichte hinausläuft, kam ein neues Detail dazu. Manche davon fand ich herrlich unheimlich, andere haben mich ratlos zurückgelassen. Denn der Roman verlangt durchaus, dass man sich auf seine Regeln einlässt.
Es wird nicht alles in allen Nuancen erklärt. Manche Zusammenhänge muss man akzeptieren, ohne sie vollständig nachvollziehen zu können. Manchmal klappt so etwas richtig gut, hier hat es bei mir hin und wieder dazu geführt, dass ich etwas unbefriedigt zurückblieb.
Dafür habe ich diese heuvletische Leichtigkeit geliebt. Selbst wenn die Situation äußerst düster ist, taucht etwas auf, das den Hergang ein wenig auflockert. Manchmal sind es Essen, Musik, Farbe und jugendliche Leichtigkeit, die etwas Wärme hineinbringen. Ein wirklich witziger Einfall war eine rosa Ente, die als Fluchtfahrzeug dient. Es gefällt mir am Autor, dass er in seinen Horror-Romanen nicht ständig mit ausgestreckter Hand auf die Schaueraspekte zeigt.
Mit der Zeit nimmt die Story ordentlich an Fahrt auf und wird größer, actionreicher und stellenweise überdreht. Das ist recht unterhaltsam, nimmt dem Roman aber ein wenig von seinem Schrecken. Zudem erinnert es an die TV-Serie "Stranger Things". Es ist nicht unbedingt die Handlung, sondern das Gefüge aus unterschiedlichen Menschen, einem übernatürlichen Phänomen, mittendrin Jugendliche und außenrum Erwachsene mit ihren ganz eigenen Geheimnissen, während eine Bedrohung immer größer wird.
Richtig gut hat mir außerdem das maritime Thema gefallen. Es geht um alte Schiffe, Legenden, Aberglauben und Geschichten, die besser auf dem Meeresgrund geblieben wären. Und natürlich kommen die Fragen um die "Orakel" selbst, wie zum Beispiel, was mit den Menschen geschieht, die hineingehen.
Meiner Meinung nach ist es ein Horror-Roman, der mit einer unheimlichen Ausgangsidee anfängt und daraus eine Geschichte mit vielen Facetten und Ebenen entwickelt. Es gibt unheimliche Situationen, Mythen, menschliche Abgründe, etwas Romantik, trockenen Humor und viele Fragen. Zwar hat Heuvelt bei manchen Szenen in die Kitschkiste gegriffen, dafür gibt es aber ausreichend Momente, die durch den gewissen Schauer-Touch im Gedächtnis bleiben. Ich habe mich jedenfalls sehr gerne auf diese ungewöhnliche Passage eingelassen, und freue mich, dass bald das nächste Buch des Autors erscheint.
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