Japanischer Horror hat, zumindest bei mir, einen gewissen Ruf. Vielleicht liegt es an den Filmen, die es aus diesem Genre bis zu uns geschafft haben. Ich verbinde damit ziemlich heftige und verstörende Geschichten sowie Schauerszenen. Kurz gesagt: Ich habe davor richtig Respekt. Entsprechend neugierig war ich auf „Der Schrein“.
Im Mittelpunkt steht die Horrorautorin Minami, die recht gemütlich in den Tag hineinlebt, während die Abgabefrist für ihr nächstes Buch immer näher rückt. Ausgerechnet jetzt fehlen ihr die richtigen Ideen. Da meldet sich ihre Bekannte Asako bei ihr und erzählt von einem Ausflug in die Berge, der für sie und ihre Clique unangenehme Folgen hatte. Die Gruppe hatte eine verlassene Ruine mit einem Schrein betreten und seitdem scheint keiner der Beteiligten mehr ganz derselbe zu sein.
Minami soll sich die Sache ansehen und eine Art Expertenmeinung abgeben. Dabei sieht sie sich selbst überhaupt nicht als Fachfrau für übernatürliche Phänomene. Sie schreibt eben Gruselgeschichten, was noch lange nicht bedeutet, dass sie sich mit echten Geistern auskennt. Die Aussicht auf Inspiration für ihren festgefahrenen Roman lässt sie schließlich zusagen.
Damit beginnt eine Geschichte, die durchaus von einem stetigen Unbehagen begleitet wird. Die Mitglieder der Gruppe verhalten sich merkwürdig, es tauchen eigenartige Fotos sowie Nachrichten auf und Minami fühlt sich mit der ganzen Angelegenheit zunehmend unwohl. Später verschlägt es sie sogar selbst an jenen Ort in den Bergen. Eigentlich wären damit genügend Zutaten für eine ordentliche Geistergeschichte vorhanden.
Nur wollte es mich einfach nicht gruseln.
Das fand ich schade, weil die bedrückende Grundstimmung durchaus vorhanden ist. Mir fehlte jedoch dieses langsame Hineingleiten ins Unheimliche, bei dem aus einem unguten Gefühl irgendwann echte Gänsehaut wird. Selbst als die Protagonistin später an jenen Schrein reist und es ihr dabei alles andere als wohl ist, blieb ich unbeteiligt. Schockmomente blieben aus und vieles erfährt man lediglich durch Erzählungen oder Minamis Beobachtungen. Dadurch betrachtete ich die unheimlichen Geschehnisse eher aus sicherer Entfernung, statt mich mittendrin zu fühlen.
Ähnlich ging es mir mit der Handlung. Einzelne Ereignisse und Merkwürdigkeiten gibt es reichlich, doch ein Spannungsbogen, der mich immer tiefer in das Geschehen gezogen hätte, wollte sich nicht einstellen. Mir fehlte ein prägnanterer roter Faden, an dem sich das Unheimliche langsam zuspitzt. So blieb „Der Schrein“ für mich über weite Strecken eher eine Sammlung interessanter Beobachtungen rund um ein übernatürliches Gedankenspiel als eine packende Geistergeschichte.
Überraschenderweise habe ich das Buch trotzdem gern gehört. Das lag vor allem an Minami und ihrem Blick auf die Welt. Durch ihre Perspektive erfährt man einiges über ihren Alltag als Japanerin in Tokio, ihre Arbeit als Schriftstellerin und den Umgang mit anderen Kunstschaffenden.
Noch mehr mochte ich die Einblicke in die japanische Geister- und Gruselkultur. Religiöse Vorstellungen und Rituale sind für Minami selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens und werden entsprechend natürlich in die Handlung eingebunden. Für mich war beispielsweise spannend, dass die klassische Zeit für Gruselgeschichten in Japan im Sommer liegt und damit ganz anders verankert ist als unsere herbstliche Spooky Season. Auch der Umgang mit Ahnen und überlieferten Vorstellungen sorgt dafür, dass sich der Roman kulturell deutlich von westlichen Geistergeschichten unterscheidet.
„Der Schrein“ war damit anders. Als Horrorroman konnte mich das Buch kaum überzeugen, weil mir sowohl der Schauer als auch ein packender Handlungsfaden gefehlt haben. Als Blick auf den japanischen Alltag und insbesondere die dortige Geisterkultur fand ich es hingegen ausgesprochen interessant.
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