„Die Totenbraut“ hat ziemlich lange auf seine Lesezeit bei mir gewartet. So lange sogar, dass ich mittlerweile keine Ahnung mehr habe, warum das Buch überhaupt bei mir eingezogen ist. Der Titel war es sicherlich nicht, denn den finde ich nach wie vor etwas merkwürdig. Vermutlich hat mich die Inhaltsbeschreibung angesprochen. Wie auch immer es damals dazu kam: Zum Glück durfte der Roman bleiben. Denn als ich mich endlich darauf eingelassen habe, war ich äußerst positiv überrascht.
Im Urlaubsort Hithechurch ist ein Mädchen verschwunden. Natürlich ist es schon schlimm genug, wenn so etwas passiert. Noch schlimmer ist allerdings, dass das Vermissen von Mädchen in Hithechurch eine gewisse Regelmäßigkeit hat.
Charlie reist außerhalb der Saison gemeinsam mit ihrer Nichte in das Küstendorf, um für ein Buchprojekt über die hiesigen Sagen und Geschichten zu recherchieren. Dass ausgerechnet während ihres Aufenthalts erneut eine Jugendliche vermisst wird, lässt ihr keine Ruhe. Denn Charlie kennt Hithechurch besser, als irgendjemand ahnt. Schon 1988 hat sie hier mit ihrer Familie Urlaub gemacht. Damals ist etwas geschehen, das ihr weiteres Leben aus der Bahn geworfen hat.
Jen Williams erzählt ihre Geschichte auf mehreren Zeitebenen, wobei mir besonders der Kontrast zwischen Gegenwart und Vergangenheit richtig gut gefallen hat.
In der Gegenwart herrscht Winter. Charlie und ihre Nichte wohnen auf einem verwaisten Campingplatz, sommerliches Vergnügen ist weit entfernt und über Hithechurch liegt eine kühle Schwere. Charlie arrangiert sich mit der ungemütlichen Tristesse, recherchiert für ihr Buch und beginnt auf eigene Faust, dem Fall nachzugehen. Dabei begegnet sie ihrer eigenen Vergangenheit auf Schritt und Tritt. Ein Ort, ein Baum oder ein Gebäude reichen aus und schon wird sie in jene Tage zurückgeworfen, über die sie offensichtlich lieber schweigen würde. Schuld und Scham begleiten sie. Sie ist froh, dass niemand sie erkennt. Als Leser:in weiß man lange nicht, was damals eigentlich passiert ist.
1988 sieht Hithechurch ganz anders aus, denn der Sommer strahlt alle düsteren Winkel aus. Charlies Familienleben ist bunt, die Stimmung ausgelassen und Freundschaften werden schnell geschlossen. Die junge Charlie ist aufgeweckt, besitzt eine blühende Fantasie und interessiert sich schon damals für alte Sagen, Flüche und Rituale. Gemeinsam mit ihren neuen Freundinnen lebt sie mit kindlicher Leichtigkeit spielerisch in den Tag hinein.
Nur weiß man längst, dass diese Leichtigkeit nicht bleiben wird.
Aus der Gegenwart sickern immer wieder kleine Andeutungen in diesen unbeschwerten Sommer hinein. Bemerkungen, Gedanken und Charlies Reaktionen verraten, dass etwas ganz Furchtbares auf sie zukommen wird. Was es ist, lässt sich schwer erahnen. Dieses Wissen um die kommende Katastrophe hat für mich selbst den ruhigeren Passagen ordentlich eingeheizt und mich richtig an die Seiten gefesselt. Hinzu kommen fein gesetzte Cliffhanger zwischen den Zeitebenen, die meine Neugier zuverlässig angefacht haben.
Als wäre das nicht genug, öffnet Jen Williams einen dritten Erzählstrang und springt ins Jahr 1949. Anfangs war ich davon ziemlich irritiert. Ich konnte überhaupt nicht einordnen, was diese Episode nun mit Charlie, Hithechurch und den verschwundenen Mädchen zu tun haben soll. Also habe ich Derek und seinen Werdegang erst einmal so hingenommen. Bis auch dieser Teil plötzlich eine ganz eigene, fesselnde Faszination entwickelt und mit einer schockierenden Wendung zeigt, dass er wohl doch nicht einfach zum Zeitvertreib mitgeschleppt wird.
Auch die Erzählweise hat „Die Totenbraut“ für mich spannend gemacht. Jen Williams hetzt nicht durch ihre Handlung, sondern lässt das Grauen langsam und subtil aus ihr herauswachsen. Alte Sagen und Legenden, schaurige Andeutungen und Charlies belastende Erinnerungen greifen ineinander, während über allem die Frage schwebt, was in Hithechurch eigentlich vor sich geht – und schon vor Jahrzehnten vor sich gegangen ist.
Ich mochte diese düstere Atmosphäre wahnsinnig gern. Der Thriller braucht keine pausenlose Action, um Spannung zu erzeugen. Stattdessen entsteht sie aus dem Wissen, dass hinter der scheinbaren Normalität etwas lauert, dessen Ausmaße man nicht kennt. Je weiter die einzelnen Fäden voranschreiten, desto mehr beginnen sie sich gegenseitig aufzuladen.
Der Plot selbst hat mich ebenfalls begeistert. Jen Williams wartet mit unerwarteten Wendungen sowie fesselnden Details auf und schafft es lange, mich mit meinen Vermutungen im Dunkeln tappen zu lassen. Im Finale dreht sie für meinen Geschmack eine Spur zu kräftig auf. Da wäre etwas weniger vielleicht mehr gewesen.
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