Bei Dan Simmons weiß ich selten, was auf mich zukommt. Aber meist mag ich seinen Stil und die Themen, die er behandelt. Manchmal gefällt mir seine Langsamkeit, wie bei "Elm Haven", und manchmal, das ist die Crux, wird es mir zu ausufernd. Da laufen die Seiten, aber die Spannung steht. "Kinder der Nacht" ist genau so ein Buch geworden. Es ist ein wilder Mix, der mich am Ende nicht vollkommen überzeugt hat.
Der Klappentext verspricht jedenfalls Großes. Graf Dracula kehrt nach Rumänien zurück, von wo aus sich die Welt verändern soll.
Die Geschichte startet zu Beginn der 1990er-Jahre, kurz nach dem Fall Ceaușescus. Das Land befindet sich in einer schwierigen Übergangsphase. Simmons lässt den:die Leser:in tief in diese verwahrloste Wirklichkeit eintauchen. Die amerikanische Ärztin Kate Neuman arbeitet in rumänischen Kranken- und Waisenhäusern. Was sie dort findet, ist grausam und erschütternd. Die hygienischen Zustände und die Verbreitung von Krankheiten, wie zum Beispiel Aids, durch medizinische Schlamperei, schaffen einen bedrückenden Auftakt, der sofort eine düstere Atmosphäre schafft.
Man spürt die Desorientierung der Menschen, die Korruption, den Übergang von einem unterdrückenden System in eine vage Freiheit. All das verleiht der Umgebung einen spürbar grausamen Charakter.
Mitten in diesem gepeinigten Land kehrt eine uralte Macht heim. Dracula, begleitet von seiner Vampir-Dynastie, hat eigene Pläne für sein Herkunftsland.
Dabei kreuzt sich Neumans Weg mit einem kranken Baby. Der kleine Patient wächst ihr ans Herz und sie setzt alles daran, dass er überlebt. Mit diesem Vorhaben rührt sie eine Kraft auf, mit der sie nicht gerechnet hat. Aber es werden uns auch die bürokratischen Mühlen und die rumänische Gesetzmäßigkeit der damaligen Zeit vor Augen geführt. Es muss viel geschmiert und verhandelt werden. Diese Beschreibungen sind packend erzählt.
Danach gibt es einen Knacks und der Roman verliert ordentlich Tempo. Die Ärztin beginnt mit intensiven Untersuchungen und wird zur besessenen Forscherin. An diesem Punkt hat mich Simmons für eine Weile verloren. Die Seiten füllen sich mit ausführlichen, drögen Erklärungen über Viren, Genetik und Untersuchungsergebnisse. Ich fühlte mich nicht mehr in einem Horror-Roman, sondern eher in einem fortgeschrittenen Medizin-Seminar. Dabei ist die Geschichte gut, aber die Erzählart war hier schon recht ermüdend. Zudem wird das Vampir-Mysterium wissenschaftlich aufgearbeitet, was ihm einen großen Teil seines Horror-Zaubers nimmt.
Zum Glück zieht die Handlung etwa in der Mitte an, denn es gibt einen Reiseabschnitt. Dieser legt einen Zwischenstopp in Wien ein. Die Votivkirche wird bestaunt und sogar es wird sogar eine Runde mit dem Riesenrad im Prater gedreht. Hinzu kommt eine Fahrt mit dem Orient-Express, die nicht so luxuriös ist, wie man es von Agatha Christie kennt. Diese Passagen fand ich sehr mitreißend erzählt.
Plötzlich folgt spannungsgeladenes Action-Kino mit einer rauen Atmosphäre. Beispielsweise gibt es einem Besuch in einem Trucker-Lokal in Rumänien, in dem Bier so lange getrunken wird, bis es keines mehr gibt. Solche Details verleihen der Geschichte eigentümliche Lebendigkeit.
Am Ende spitzt sich alles zu. Die Intrigen um Vampir-Clan, Wissenschafter, Ärzte und Politik fand ich ehrlich gesagt etwas überzogen. Eine subtilerer, raffinierter gezeichneter Hintergrund hätte mir besser gefallen. Letztendlich gibt es reichlich Action mit viel Sprengstoff, Konfrontation und gebrochenen Versprechen. Die Auflösung der Geschichte fand ich aber in Ordnung. Es war mal was anderes.
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