Dienstag, 16. Februar 2021

Rezension: Das Gerücht - Lesley Kara

Das Gerücht - Lesley Kara
© dtv
Das Gerücht
| Lesley Kara |

Verlag: dtv 2020
Seiten: 400 
ISBN: 9783423262422

MEINE BEWERTUNG 
- ★★★★ - 



Gefährliche Gerüchteküche

Joanna zieht mir ihrem Sohn Alfie aus London in eine idyllische Stadt am Meer. Dann schnappt sie auf, dass die berüchtigte Kindermörderin Sally McGowan unter falscher Identität in der Stadt leben soll. Sie erzählt anderen Müttern davon und merkt im selben Moment, dass sie damit ein Gerücht anstößt, das sich nicht aufhalten lässt.

„Das Gerücht“ ist meinem Empfinden nach ein Spannungsroman, der sich mit den Konsequenzen von Worten hinter vorgehaltener Hand auseinandersetzt. Gleichzeitig wird ein faszinierendes Thema aufgegriffen: Wie ergeht es Menschen, die als Mörder Schlagzeilen machten? Wie sieht ihr Leben nach dem Gefängnis aus? Und wie können sie es wagen, ein Teil der Gesellschaft zu sein?

Gerade die letzte Frage ist bitte plakativ zu betrachten, weil ich mir keinesfalls ein Urteil anmaße. Aber das Gedankenspiel finde ich interessant. Wie ergeht es Menschen, die vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren als Mörder durch die Medien gegangen sind? Die zu dramatischer Berühmtheit gelangten, weil ihr Handeln so scheußlich war? 

Dieser Fragestellung bedient sich Autorin Lesley Kara und setzt ein Gerücht über die Kindermörderin Sara McGowan in ihrer Romanwelt frei. Protagonistin Joanna hegt den Verdacht, dass Sara unter falschem Namen in ihrer Gegend lebt und äußert sich gedankenlos bei anderen Müttern dazu. 

An dieser Stelle kommt die titelgebende Dynamik ins Rollen, weil ein Gerücht im geeigneten Milieu rasch ein Feuer entfacht. Dabei beleuchtet Kara außerdem, unter welchen Umständen solches Geschwätz entsteht, weil es eher dazu dient, ein Bedürfnis der erzählenden Person zu befriedigen. 

Joanna ist mit ihrem Sohn Alfie neu in der Stadt. Zwar wuchs sie hier auf, hat aber - nach vielen Jahren in London - den Anschluss verloren. Damit ihr Sohn einen guten Start in der neuen Schule und Umgebung hat, schließt sie sich anderen Müttern an, die sich ihr erst öffnen, als sie durch das Gerücht Interesse weckt. 

„Alle wichtigen Augenblicke in unserem Leben sind bestimmt von der Wahl, die wir im Bruchteil einer Sekunde treffen. Eine Wahl, die uns für immer prägen kann.“ (S. 373)

Aus den genannten Ebenen spinnt sich ein faszinierender Spannungsroman, der Fragen aufwirft, Themen und Verhaltensweisen näher beleuchtet und gleichzeitig fesselnd zu lesen ist.

Einzig Joanna empfand ich in manchen Situationen als zu hysterisch, und sie nahm nach Außen den Charme einer Helikopter-Mutter an. Ihr Auftreten ist allgemein vom mütterlichen Beschützerinstinkt geprägt, woraus manche Situation überhaupt erst entstanden ist. 

Die Handlung als Ganzes betrachtet ist spannend erzählt und regt enorm zum Rätseln an, während man mit Joanna gemeinsam das Verhalten der Damen im Ort analysiert. Man gerät in einen Sog aus Verdächtigungen, Falscheinschätzungen und Überreaktionen, der im kleinstädtischen Milieu bedrohlich wirkt. Könnte eine von ihnen wirklich Sara McGowan sein? 

Das Ende fand ich richtig gut, obwohl es meinem Geschmack zu dramatisch ausgearbeitet war. Manches davon hätte ich nicht gebraucht, wobei es trotzdem ein rundes Bild abgibt und die Auflösung für mich tatsächlich eine Überraschung gewesen ist. 

Meiner Meinung nach ist „Das Gerücht“ ein einnehmender Spannungsroman, der mit interessanten Themen aufwartet, die Gefahr von Geschwätz veranschaulicht und sich gut lesen lässt. 
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MEINE BEWERTUNG

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Kommentare:

  1. Liebe Nicole,
    schön, dass es dir gefallen hat und ja, das Ende mochte ich ebenso. Und man denkt mehr darüber nach was launiges geschwätz alles anrichten kann....
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Hallo Martina,

      mir hat das Gedankenspiel recht gut gefallen. Ich fand es spannend geschrieben und von der Thematik her hervorragend aufbereitet. Danke nochmals für das Buch! Damit sind nun alle Bücher von dir gelesen. Dass macht mich richtig traurig, weil man sieht, wie lang unser letztes Treffen her ist.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Hallo Nicole!
    Ich kann dir nur zustimmen, ich mochte das Buch auch sehr gerne lesen. Und ja, ich habe danach auch mal darauf geachtet, wie schnell man in diese "Hast du schon gehört"-Schiene verfällt. Vor allem fand ich es interessant, weil Joanna sich selber nicht als jemanden sieht, die gerne tratscht.
    Und mich konnte das Ende auch sehr überraschen. :)
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

    PS: Verlinke dich mal bei meiner Rezension. ;)

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    1. Hallo Diana,

      stimmt, Joanna hat sich selbst als Nichttratscherin gesehen und hat trotzdem immer ihr Schäuflein beigetragen. Ich fand die Geschichte wirklich gelungen und es war wirklich gut aufgebaut.

      Danke schön für's Verlinken!

      Liebe Grüße & schönes Wochenende,
      Nicole

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  3. Liebe Nicole

    Das klingt nach einem sehr guten Buch und ich finde es schön, dass hier eine Alltagssituation (Geschwätz) sich zuspitzt und so eine Geschichte entwickelt wird. Die Handlung einzelner Krimis/Thriller empfinde ich nämlich schon ein wenig an den Haaren herbeigezogen...

    Alles Liebe
    Livia

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    1. Hallo Livia,

      für einen Thriller war es mir nicht spannend genug, fesselnd liest es sich auf jeden Fall und von der Thematik her fand ich es richtig interessant. Es werden viele Fragen aufgeworfen, die man sich so selbst gar nicht stellt.

      Das Finale ist etwas konstruiert, aber es passt meiner Meinung nach.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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